Das Konzept von Coworking Spaces hat sich mittlerweile in allen deutschen Großstädten etabliert und macht diese zu regelrechten Magneten für digitale Nomaden. Ländlichere Regionen dagegen leiden oft unter einem Mangel an innovationsbringenden Kreativen, die für Jobmöglichkeiten und ein größeres Netzwerk immer mehr in die Städte wandern. Stadtbewohner, die sich mehr nach Ruhe sehnen, wandern dagegen vermehrt in die äußeren Speckgürtel der Großstädte ab. Das Einzugsgebiet, das innerhalb von 60 Minuten erreichbar ist, bezeichnet man als die 60-Minuten-Stadt und eben diese gewinnt im Zuge der neuen Homeoffice-Möglichkeiten immer mehr an Bedeutung. Immobilien in dieser Lage sind schließlich noch bis zu 50% günstiger als am direkten Stadtrand .
Doch was passiert mit Kommunen, die jenseits der 60-Minutengrenze liegen und nicht mit vagabundierendem Großstadtflair punkten können?

Wir stellen vier Projekte vor, die auf kreative Weise das Land zum Arbeitsplatz der Zukunft erklären.

Wittenberge wagt den Schritt nach vorne im „Summer of Pioneers“

Blick aus dem ehemaligen Coworking Space in der Alten Ölmühle Wittenberge

Die idyllische Stadt Wittenberge zählt mit mit knapp 19.000 Einwohnern nicht zu den bevölkerungsreichsten Städten Deutschlands und erweckt auf den ersten Blick eher den Eindruck einer verträumten Kleinstadt. Genau diesen Flair machte sich die Stadt im Sommer 2019 zunutze und rief ein Pilotprojekt aus, um dem Sog der Großstädte die Stirn zu bieten.

Unter dem Titel „Summer of Pioneers“ lud die Stadt mit einem verlockenden Angebot digital Arbeitende ein, die Lust hatten, einen Sommer fernab der Stadt zu verbringen. Es wurde eine frisch sanierte Wohnung und ein Platz in einem Coworking Space gestellt, der in einer Hotelanlage der Stadt beheimatet war. Mit direktem Blick auf die Elbe galt er als Workspace mit der schönsten Aussicht Deutschlands.(2)

Die Initiative hatte vollen Erfolg, viele der Teilnehmenden blieben über den Projektzeitraum hinaus in der Stadt und ziehen mittlerweile immer mehr Neugierige an, die an der Idee interessiert sind, aufs Land zu ziehen. Menschen und Strukturen, die man vorher nur in Großstädten fand, finden sich nun auch hier; so sind beispielsweise auch Musiker nach Wittenberge gezogen und sorgen dort nun für mehr Vielfalt im Kulturleben. Die Herausforderung, vor der sich die Stadt nun sieht, ist, Investoren zu finden, die bereit sind die seit der Wende marode gewordene Infrastruktur wieder aufzubauen. (2)

Strukturwandel in Frankfurt (O.) mit dem „BLOK O“

Foto: BLOK O

Frankfurt (Oder) ist ebenfalls keine Großstadt und liegt auf der Grenze zu Polen. Mit dem Auto ist man mindestens 1,5 h unterwegs, bis man in der nächstgrößeren Stadt – Berlin –  ist. Dort ist von einem bereits etablierten Betreiber von Coworking Spaces ein Ort der Kooperation und Begegnung entstanden. Ansgar Oberholz, der einen der ersten Coworking Spaces in Berlin am Rosenthaler Platz ins Leben rief, hat gemeinsam mit der Sparda Bank Berlin den Schritt aus der Hauptstadt in die Peripherie gewagt. In einem alten Kaufhaus in Frankfurt ist im Herbst 2018 eine Kombination aus Workspace, Café und Bank entstanden. Als die genossenschaftlich organisierte Bank die Fläche angeboten bekam, war diese für eine Filiale allein viel zu groß; auf der Suche nach Möglichkeiten, die Fläche trotzdem bespielen zu können, ging sie mit der Idee eines gemeinsamen Coworking Spaces auf die Betreiber des St. Oberholz zu – geboren war der BLOK O. Synergien gibt es nun auf beiden Seiten: die Bank, deren Kunden im Schnitt immer älter werden, profitiert von mehr Kontaktpunkten zu jüngeren Besucher:innen des Coworking Spaces, in dem sich nun Cafébesucher:innen, Bankkund:innen und digital Arbeitende treffen.(3)

Die Räumlichkeiten wurden so ausgebaut, dass sie verschiedensten Anforderungen gerecht werden. So sind neben Coworking auch Veranstaltungen oder Konferenzen möglich – ein attraktives Angebot, welches jungen Unternehmerinnen oder Kreativen erleichtert, in der Stadt Fuß zu fassen.

Für Frankfurt ist diese Entwicklung ein Segen, da sie seit der Wende stark an Bevölkerungsschwund infolge mangelnder Jobangebote leidet. Mit dem „BLOK O“ zieht die Stadt nun junge Kreative und Unternehmer:innen an, die in der Strukturschwachen Region nun Potential für Innovation und Arbeitsplätze schaffen.(4)

Ein futuristicher Bauernhof in Norddeutschland – der Alsenhof

Foto: Pixabay

In Lägerdorf im Norden von Deutschland verfolgt eine Gruppe von Gründer:innen eine etwas andere Vision von Coworking. Auf einem alten denkmalgeschützten Bauernhof haben sie einen Raum des Zusammenlebens und -arbeitens geschaffen. Hier gibt es nicht nur Arbeitsplätze mit schnellem Internet, sondern auch Übernachtungsmöglichkeiten für Kunden, die gerne länger als einen Tag bleiben möchten.

Das Konzept des Alsenhofes orientiert sich an der Idee des dörflichen Zusammenlebens; hier geht Handwerk, digitales Arbeiten und Gartenbau Hand in Hand. Denn neben den Coworking-Räumlichkeiten gibt es hier auch eine große Werkstatt und Gemüsegärten, in der sich Maker voll ausleben können. Das zieht nicht nur die Bewohner von Lägerdorf an, sondern hat bereits internationale Gäste angelockt.
Der Hof soll ein Ort der Begegnung und Inspiration werden, der sich dynamisch mit seinen Besuchenden entwickelt, denn die Initiatoren bieten engagierten Teilnehmenden die Einbringung und Mitentwicklung des Projekts in verschiedenen Bereichen an. So sind Gäste, die sich in den Bereichen Eventmanagement, regionale Lebensmittelversorgung, Fundraising oder generell mit handwerklichen Tätigkeiten einbringen möchten, gerne gesehen.(5)

Workation im Project Bay auf Rügen

Foto: Project Bay GmbH

Wer einfach mal raus aus der Stadt möchte, ohne sich direkt Urlaub nehmen zu müssen, könnte sich für das Konzept „Workation“ begeistern lassen. Die Fusion aus Urlaub und Coworking ist seit der Pandemie auf dem Vormarsch und bietet einer breiten Zielgruppe eine neue Form des Arbeitens an.
Unter dem Titel „Project Bay“ ist direkt am Strand von Rügen ein Coworking-Living-Space entstanden, in dem nun mit Meerblick gearbeitet werden kann.
Seit Corona sind die beiden Gründer optimistisch, dass das Konzept Arbeiten mit Urlaub zu verbinden Zukunft hat. Viele Arbeitgeber:innen sind heute offener für flexible und mobile Arbeitskonzepte als sie es vor der Pandemie waren.

Doch nicht nur Arbeits-Urlauber:innen soll das Angebot zugutekommen. Langfristig soll das Projekt Unternehmen dauerhaft auf die Insel locken und dort Arbeitsplätze schaffen. Momentan arbeiten die meisten Inselbewohner auf dem Festland und sind die ganze Woche unterwegs. Mit einer geplanten Programmierschule im Gebäude wollen die beiden Gründer einen ersten Schritt machen, den Standort auch längerfristig attraktiv zu machen.(6)

Zu den Leistungen

Fazit

Wie die Beispiele zeigen, sind Coworking Spaces auf dem Land eine ideale Möglichkeit, der Großstadt für ein paar Tage oder auch länger zu entfliehen. Auch wenn der Trend der Verstädterung in den nächsten Jahren vermutlich weiterhin zunehmen wird, wächst die Gegenbewegung, in die Peripherie zu ziehen, stetig an.

Gerade infolge der Pandemie, der veränderten Arbeitsgewohnheiten und der Learnings in Sachen zeitlicher und örtlicher Flexibilität aus den letzten 1,5 Jahren, erkennen wir immer mehr, dass das Leben auf dem Land durchaus Vorteile bietet. Sieht so das Modell der Zukunft aus?