19.03.2021. Wird es die Rückkehr ins klassische Büro, wie wir es vor der Pandemie kannten, geben oder arbeitet in Zukunft jeder aus dem Homeoffice heraus? Diese und ähnliche Fragen stellt sich aktuell die ganze (Arbeits-) Welt. Wie der Arbeitsalltag in post-pandemischen Zeiten tatsächlich aussehen wird, fragen sich auch die CEO´s der großen Unternehmen weltweit. Wir haben in diesem Magazinbeitrag 10 Zitate von 10 CEO`s deutscher und internationaler Unternehmen gesammelt und wagen gemeinsam einen Blick in die Zukunft.

In der Corona Pandemie hat Siemens für rund 140.000 Arbeitnehmer das Homeoffice ermöglicht. Im Schnitt sollen die Beschäftigten zwei bis drei Tage in der Woche im Homeoffice arbeiten, ihre Meinung spielt dabei eine wichtige Rolle. Schließlich wurde im Unternehmen jahrelang über ergonomische Arbeitsplätze geredet; da fällt es schwer, wenn diese nun von einem Küchentisch und einem Laptop abgelöst werden. Siemens-Chef Roland Busch betont, dass nach wie vor die Weiterentwicklung der Unternehmenskultur im Vordergrund stehe:

„Die Basis ist eine Weiterentwicklung unserer Unternehmenskultur. Damit verbunden ist auch ein anderer Führungsstil, der sich an Ergebnissen orientiert, nicht an der Präsenz im Büro.“ Roland Busch, CEO Siemens AG. [1]

Roland Busch, CEO Siemens AG

Bei Slack, einem Vorreiter für digitale Arbeitsstruktur, sieht man im Remote-Arbeiten einen Zugewinn an Motivation für die Mitarbeiterschaft. Das Unternehmen hat sich auf die digitale Organisation von Arbeitsgruppen und deren Kommunikation spezialisiert. Deutschland-Chef Oliver Blüher sieht in der Umstrukturierung zum Remote-Arbeiten viele Vorteile. Durch die Möglichkeit des ständigen Zugriffs auf Informationen, unabhängig vom Ort, würden beispielsweise Informationssilos aufgebrochen. Dies fördert den ständigen Austausch von Wissen und vereinfacht die Koordinierung von Ressourcen. Viele scheuen laut Oliver Blüher momentan noch vor der digitalen Umrüstung zurück, da sie hohe Kosten fürchten. Es gibt mittlerweile jedoch eine Vielzahl an Möglichkeiten, die das digitale Zusammenarbeiten von Zuhause aus auch ohne große Investitionen ermöglicht.

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass das Umrüsten auf Remote-Arbeiten einiges an Motivation und positiver Stimmung bringt: Wenn Chefs ihre Mitarbeiter dazu auffordern, selbstständig organisiert zu arbeiten, wird ihnen ein Maximum an Wertschätzung entgegengebracht. Das ist toll und bringt letzten Endes dem gesamten Unternehmen etwas, “ so Oliver Blüher, Deutschland-Chef von Slack. [2]

Oliver Blüher, Deutschland-Chef von Slack

Eine andere Möglichkeit der Aufrechterhaltung von Unternehmenskultur ist das Intranet, über das die Mitarbeitende online auf dem Laufenden gehalten werden und abseits von Produktivitätsdruck miteinander kommunizieren können. Der CEO des Intranet-Anbieters Viadesk, Mujibor de Graaf, sieht in der Verlagerung ins Homeoffice mehr Dynamik für Unternehmen. Auch wenn die digitale Zusammenarbeit ein reales Treffen nicht zu 100% ersetzen kann, glaubt de Graaf, dass viele Unternehmen von der zunehmenden Digitalisierung stark profitieren können. Mit steigender Wichtigkeit der Work-Life-Balance ist es gut, wenn Miterbeiter*innen selbst aussuchen können, von wo aus sie wann arbeiten möchten.

Ganz nebenbei ist ein Unternehmen, das selbst New Work lebt, ein attraktiverer Arbeitgeber. Um neue Mitarbeiter zu gewinnen, braucht es heute mehr als nur ein gutes Gehalt. Gerade die jüngeren Generationen, also die Generation Y und Z, die auf den Arbeitsmarkt strömen, verlangen nach Work-Life-Balance und Flexibilität.“ Mujibor de Graaf, CEO von Viadesk. [3]

Mujibor de Graaf, CEO von VIadesk

Vincent Huguet, Gründer der Freelance-Platform Malt sieht im Homeoffice keine Dauerlösung. Obwohl das Unternehmen bei seiner Gründung ausschließlich remote gearbeitet hat, ist Vincent Huguet mittlerweile davon überzeugt, dass ein Büro für jedes Unternehmen unabdingbar ist, da es wichtig ist, dass Mitarbeiter*innen sich persönlich austauschen können:

„Wenn man mit den Kollegen einen Kaffee trinkt, oder auch ein Bier, dann geschehen eben bestimmte Dinge: Manchmal lösen sich Probleme ganz nebenbei, für die man zuvor tagelang keine Lösung gefunden hat. Wir Menschen sind soziale Wesen und müssen uns austauschen.“[4]

Besonders in hybriden Strukturen, wenn ein Teil der Belegschaft anwesend ist und ein anderer von zuhause aus arbeitet, kann das zu Problemen führen. Petra von Strombeck, Vorstandsvorsitzende von New Work SE, dem Mutterkonzern von Xing, sieht Teile des digitalen Arbeitens durchaus kritisch. In einem wöchentlichen digitalen „Campfire“ wird zwar versucht, die interne Unternehmenskommunikation aufrecht zu erhalten; problematisch wird es allerdings bei Meetings, in denen manche Mitarbeiterinnen anwesend sind, andere nicht. Das führe zu einer unausgewogenen Kommunikation untereinander und macht kreative Prozesse komplizierter. Gerade wenn versucht wird, Hierarchien abzubauen, sind asymmetrische Verhältnisse in der Kommunikation ein Hindernis.

„Hybride Meetings, bei denen einige Mitarbeiter anwesend sind, andere nicht, sind schwierig. Und außerdem gilt: Je kreativer Prozesse sind, desto herausfordernder ist das ausschließlich virtuelle Arbeiten.“ Petra von Strombeck, Vorstandsvorsitzende New Work SE. [5]

Petra von Strombeck

Zeitliche und räumliche Flexibilität sind auch bei WeWork der Schlüssel in der postpandemischen Arbeitsplatzgestaltung. Durch die Pandemie ist laut Sandeep Mathriani, CEO von WeWork, der Bedarf an Platz in offenen Büroflächen noch gestiegen. Social Distancing verlangt neue Raumkonzepte, die es den Mitarbeitenden ermöglichen, Abstand einzuhalten. Büros mit flexiblen Raumkonzepten sind davon allerdings weniger gefährdet, da sie die Möglichkeit bieten, Arbeitsplätze neu anzuordnen und so die Abstandseinhaltung zu gewährleisten.

„Flexibility means you can de-densify. You can spread out locations and people can come to work,“ so Sandeep Mathriani. [6]

Bei Talentgarden, einem anderen Anbieter offener Bürolandschaften hält man an der Wichtigkeit physischer Kontaktmöglichkeiten fest. Der CEO Davide Dattoli glaubt, die Qualität unserer Beziehungen und Netzwerke würde verarmen, arbeiteten wir nur noch online. Die „weak links“ zwischen Mitarbeitenden, die bei zufälligen Begegnungen entstehen, werden im Homeoffice immer schwächer, was die Stabilität unternehmensinterner Beziehungen gefährdet. Menschen, die man im Arbeitsalltag zufällig trifft, bringen uns in neue unvorhergesehene Situationen, die unsere Kreativität triggern, so Dattoli. Deshalb sei der analoge Raum, in dem man sich physisch begegnet, weiterhin wichtig.

“People we meet randomly, precisely because they are not connected to our network, can expose us to a condition we had not foreseen. And this increases our creativity and broadens our horizons. That’s why it is important to have a physical space. But that doesn’t mean going back to overcrowded offices.“ Davide Dattoli, CEO Talentgarden. [7]

Davide Dattoli

Ganz anders die Stimmen im Silicon Valley. Jack Dorsey, CEO von Twitter, sieht durch die Verschiebung von Arbeitsplätzen vor allem die Immobilienbranche vor einem großen Wandel. In einem Interview meint er, sich vorstellen zu können, die Mitarbeitenden von Twitter auch dauerhaft im Homeoffice arbeiten zu lassen. Seine These: Wenn der eigene Wohnort dauerhaft zum Arbeitsplatz avanciert, werden sich die Ansprüche an die eigene Wohnung stark ändern. Kleine, überteuerte Wohnungen in Innenstädten werden an Attraktivität verlieren, sodass viele Menschen in dünner besiedelte Regionen abwandern werden, was sich früher oder später auf den Immobilienmarkt auswirken wird.

„Home and commercial real estate in and around the cities will fall in value, as a good amount of people will move to less expensive locations. They’d gladly trade their small, cramped apartments and pricey homes for larger places, especially since they’d be spending all of their working and downtime in their homes.“ Jack Dorsey, CEO von Twitter. [8]

In der US-Immobilienbranche selbst werden solche Prognosen skeptisch betrachtet. Boston Properties CEO Owen Thomas sieht im Homeoffice keine Zukunft, da dort zu viele wichtige Komponenten des Arbeitsalltages verloren gingen. Er glaubt, dass die Präsenz im Büro nach der Pandemie wieder zurückkehren wird. Junge Arbeitskräfte hätten das Bedürfnis andere Menschen persönlich kennenzulernen und dafür braucht es Orte, die das ermöglichen. Bei Online-Meetings gehen zu viele Feinheiten in der Kommunikation verloren, die Unterhaltungen erst interessant machen und die Kreativität fördern.

“The ability to mentor younger employees, the spontaneous collaboration and creativity that occurs, and also the culture that companies develop, it’s very difficult to do it when we’re all on Zoom or Cisco’s Webex videoconferencing platforms.” [9]

Melissa Hanley, CEO der Designfirma Blitz im Silicon Valley, die unter anderem für die Gestaltung der offenen Bürolandschaften der Tech-Giganten zuständig sind, glauben nicht, dass es eine absolute Wahrheit über die Zukunft der Bürokultur gibt. Vielmehr werden vielfältige Lösungsmöglichkeiten als wahrscheinlich angesehen, denn mit den neuen Gegebenheiten sind Kreative nun herausgefordert, vielfältige Szenarien zu entwickeln – allerdings ohne dabei die Menschlichkeit aus den Augen zu verlieren.

„Es gibt so viel mehr Möglichkeiten als nur das Aufstellen von Bildschirmen und Desinfektionsmitteln. Doch wir dürfen das menschliche Antlitz dabei nicht aus den Augen verlieren.“ Melissa Hanley, CEO der Designfirma Blitz. [10] 

Besprechung am Tisch

10 CEOs mit 10 Meinungen zum Wandel der Bürolandschaft – unsere kleine Recherche zeigt, wie vielfältig und mitunter kontrovers aktuell der Blick auf die Zukunft der Arbeitswelt ist. Diese Entwicklungen sollten uns aber optimistisch stimmen, besonders was die Zukunft unserer Arbeitsräume anbelangt. Fast alles ist möglich, da wir die digitalen Voraussetzung und das Vertrauen dazu in den vergangen Monaten geschaffen haben.  Wir bei combine verfolgen die Diskussion mit Spannung weiter und prägen sie mit. Im Beitrag „Bleibt alles anders?“ von Sandra Breuer erfahren Sie mehr über die Themen, die uns positiv nach vorne blicken lassen.