Was das mobile Arbeiten und neue Arbeitswelten mit unseren Büros macht, darüber wird aktuell viel diskutiert. Dabei geht es aber oftmals um Zahlen, Daten, Fakten. Wir bei combine denken, dass bei all dem auch der Mensch nicht vergessen werden sollte. Schließlich ist das Büro für die meisten der Ort, an dem der Großteil der Arbeits(lebens)zeit verbracht wird.

In einer regelmäßig im combine Magazin erscheinenden Gast-Kolumne stellt Jan Teunen den Menschen in den Mittelpunkt als inspirierende Gegenthese zur wirtschaftlichen Rationalität.

„Ich verstehe nicht, warum die Menschen Angst vor neuen Ideen haben. Ich habe Angst vor den alten.“ (John Cage)

Ein guter Chef braucht kein Chefbüro mehr.

Wer im Deutschland des vergangenen Jahrtausends seine Karriere begonnen hat, der kennt sie aus eigener Erfahrung: große Kolosse aus Holz und Metall, hinter denen der Chef saß. Und auch heute noch dienen die Residenzen der Führungskräfte vielerorts dazu, ohne Worte sofort klarzumachen, wer denn hier das Sagen hat. Raumdesign und Topografie innerhalb des Firmensitzes folgen dem altertümlichen Dreiklang „höher, größer, teurer“. Wer führt, der führt auch bei Lage, Maß und Ausstattung des Zimmers. Am besten natürlich auf Eck und bei fünf Fensterachsen, mit von den konzerneigenen Kuratoren ausgewählter Kunst an der Wand und einem Panoramablick hinunter auf die Mühen der Stadt. Wer schon mal dort oben war – in den Skyline-prägenden Türmen des Frankfurter Finanzviertels etwa –, der weiß, dass man sich nicht einfach dorthin verirren kann; denn nach dort oben wird man bestellt. Es ist eine Hierarchie aus Stahl und Glas.

Mann am Laptop

Bild: Katharina Schmidt / Kwittiseeds

Doch seit die jungen Wilden aus dem Silicon Valley die Weltwirtschaft verändert haben, hat sich auch die Einstellung zum Chefbüro verändert. Der unordentliche Schreibtisch von Mark Zuckerberg beispielsweise steht inmitten seines riesigen Facebook-Komplexes. Der Arbeitsbereich hat keine Wände, sperrt keine Kolleg:innen aus, ist so kommunikativ angelegt wie das eigene Social Network. Während hierzulande das Gros noch nicht ohne klare Grenzziehungen auskommt, übt sich eine wachsende Führungsfraktion in der Annäherung an den Großraum. Ein Name wäre Sabine Müller, CEO von DHL Consulting, einer strategischen Lieferketten- und Managementberatung der Deutsche Post DHL Group. Bereits ein Jahr vor der Corona-Pandemie hatte sie sich entschlossen, ihren geschützten Raum aufzugeben und sich zu ihren Mitarbeiter:innen zu gesellen. Daran ließ sie in ihrem Blog teilhaben und beschrieb nach den ersten vier Monaten Phänomene von regerer Kommunikation, mehr Inspiration und vor allem von wachsendem gegenseitigen Vertrauen.

Müllers Plädoyer: „Ich bin überzeugt davon, dass wir als Führungskräfte den Wandel nicht länger hinter verschlossenen Bürotüren steuern können. Wir müssen uns selbst verändern, indem wir den Wandel von der zentralen Bühne aus leiten.“

Müllers Meinung ist keine Einzelmeinung mehr. Das neue Denken bekam auch ein großer Düsseldorfer Gewerbeimmobilienmakler zu spüren. Einen sehr modern und luxuriös gebauten und eingerichteten Bürokomplex wurde man einfach nicht los. Die Qualitätsunterschiede zwischen der mit allem Pipapo ausgestatteten Penthouse-Etage einerseits und den unteren Etagen zwischen Erdgeschoss und viertem Stock andererseits waren einfach zu groß. Keine/r der Geschäftsführer:innen, die sich das neue Objekt angesehen hatten, wollte es sich in dieser paradiesischen Sphäre direkt unterhalb des Himmels einrichten, während die Belegschaft sich mit konventioneller Tristesse hätte abfinden müssen.

Vielleicht schlägt sich in dieser demokratischer werdenden Bürokultur etwas nieder, was gerade auch im größeren Maßstab vor sich geht. Vielleicht erkennt eine Führungselite, dass in kleinen geschlossenen Zirkeln getroffene Entscheidungen nicht mehr ausreichen, um immer komplexer werdenden Herausforderungen zu begegnen. Vielleicht sieht sie ein, dass eine unmittelbar gespürte Pluralität von Menschen und Meinungen notwendig ist, um nachhaltiger und resilienter Entscheidungen zu treffen. Das würde jedoch bedeuten, dass hinter der plötzlichen Nahbarkeit von Führungskräften mehr liegen muss als eine symbolische Aktion, die sich nach wenigen Wochen wieder entzaubert. Die Luftigkeit, die durch die niedergerissenen Wände entstanden ist, benötigt den dazu passenden Managertyp. Wer Angst hat vor der kreativen Kraft seiner Mitarbeiter:innen und allzu überzeugt ist von seiner eigenen Genialität, dem nützt auch das größte Großraumbüro nichts. Wer aber so weit gewachsen ist, dass er in offenen, der Natur entlehnten Systemen denkt und handelt, in ständiger Vernetztheit, kontinuierlichem Austausch und steter Regulation, der wird nie mehr nach einem abgeschiedenen Eckbüro mit Panoramafenster fragen. Für co-kreative Prozesse sind eben Nähe und Begegnung unabdingbare Voraussetzungen.

Jan Teunen ist Co-Autor der Bücher „Officina Humana“ und „Wo die Seele singt“ und Geschäftsführer der Teunen Konzepte GmbH. Als Cultural Capital Producer erarbeitet er für Unternehmen Konzepte, die dazu beitragen sollen, eine nachhaltige Unternehmenskultur zu entwickeln. Laut Teunen erzeugt die Dominanz der rationalen und einseitig auf die Ökonomie zugeschnittenen Arbeitswelt große Reibungsverluste, die die Entfaltung von Kultur behindern. Sein Bestreben ist es, diese Reibung zu reduzieren und damit die Unternehmenskultur und Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Foto Jan Teunen: Hans Schlegel
Verantwortlich für Text und Illustration: Jan Teunen