Was das mobile Arbeiten und neue Arbeitswelten mit unseren Büros macht, darüber wird aktuell viel diskutiert. Dabei geht es aber oftmals um Zahlen, Daten, Fakten. Wir bei combine denken, dass bei all dem auch der Mensch nicht vergessen werden sollte. Schließlich ist das Büro für die meisten der Ort, an dem der Großteil der Arbeits(lebens)zeit verbracht wird.

In einer regelmäßig im combine Magazin erscheinenden Gast-Kolumne stellt Jan Teunen den Menschen in den Mittelpunkt als inspirierende Gegenthese zur wirtschaftlichen Rationalität.

„Um das Ganze verstehen zu können, muss man die Teile verstehen, aber man kann die Teile nur verstehen, wenn man einen gewissen Begriff vom Ganzen hat.“ (David Couzens Hoy)

Das neue Gold, das sind die Daten. Diese Weisheit dreht seit einigen Jahren ihre Runden. Wie aber wäre es damit: Das neue Gold, das sind die Menschen! Denn, erstens, müssen die Daten erst einmal von klugen IT-Köpfen verarbeitet werden, bevor sie dann von allein arbeiten. Und, zweitens, werden in einer von Algorithmen kontrollierten Welt die Jobs wichtiger, in denen das zählt, was Computer nicht vermögen: empathische, liebevolle, kreative Arbeit zu leisten- gewollte Co-Kreation. Nennen wir sie in Abgrenzung zu den IT-Jobs doch ET-Jobs, also welche, in denen emotionale Techniken dominieren. Ambitionierte Fachleute beider Berufsgruppen werden von den entsprechenden Arbeitgebern händeringend gesucht. Das ist der Grund, warum das Employer Branding immer wichtiger geworden ist, die Kunst, den Talenten das Unternehmen als Marke schmackhaft zu machen, es zu transformieren in einen Sehnsuchtsort der Arbeitswelt.

Illustration Tier an Krankenbett

Bild: Katharina Schmidt / Kwittiseeds

Die Häuser der Arbeit, der Bildung und der Pflege müssen attraktiver werden, damit talentierte Mitarbeiter angezogen werden und bleiben.

Um die Programmierer und Systemadministratoren ist ein weltweiter Kampf entbrannt. Denn ausnahmslos jedes größere Unternehmen braucht sie im Zuge ihrer Digitalisierung. Für IT-Brains heißt der Sehnsuchtsort jedoch Silicon Valley, wo annähernd alle Player mit Elementen des New Work locken – und zwar von Beginn an, als Teil ihrer Schöpfungs-DNA. Dort wird wie selbstverständlich eingezahlt auf Pull-Faktoren wie größtmögliche Flexibilität, flache Hierarchien, kreative Teilhabe, inspirierende Ästhetik oder ein verändertes Umwelt- und Körperbewusstsein. Wenn jedoch in deutschen Firmen jeden Tag noch Wurst- und Schnitzeldämpfe durch die Kantinen wabern und vegane wie vegetarische Bio-Gerichte die Ausnahme sind, dann ist allein das im Zuge eines globalen Talentwettbewerbs verheerend, dann hat man in und um Palo Alto immer die besseren Argumente, dann nutzen auch keine coolen Hackathons, wie sie deutsche Konzerne gern veranstalten, um IT-affine Jugendliche auf sich aufmerksam zu machen.

Sich über das reine Tätigkeitsfeld digitaler Tasks hinaus zu transformieren und auf die wahren Erfordernisse der Zeit einzustellen bedeutet, Nachhaltigkeit über 360 Grad zu verstehen. Das Salatbuffet, die eigene Fahrradflotte, die Schönheit des Interieurs, die kreativen Identifikationspunkte mit der Geschichte des Unternehmens, die freie Entscheidung, nachts zu arbeiten, weil bei manchem genau dann die Ideen besser fließen, das alles wäre davon genauso betroffen wie die weltweit nahezu identische Computerhardware.

Bei den ET-Jobs sieht die Lage etwas anders aus. Denn hier – in den Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufen – gibt es den extremen Talentemangel nicht, weil ein Branchenprimus die Besten vom Markt saugen würde, sondern weil viele dieser Berufe finanziell als unattraktiv gelten, oft die Wertschätzung fehlt und auch die Zeit, um überhaupt einen guten Job machen zu können. Zwar wurde von der aktuellen Bundesregierung eine Pflegereform beschlossen, die ab 2022 eine tarifgebundene Entlohnung verspricht, aber reicht das? Auch in diesen Berufen braucht es schon jetzt ein Employer Branding, das für deren Vorzüge wirbt. Auch hier wird es die Menge lichtvoller Details sein, die Frauen und Männer von der Attraktivität eines Jobs in Pflegeheim, Krankenhaus oder Obdachlosenhilfe zu überzeugen. Im Haus der Pflege sieht es oft nicht anders aus als in den Häusern der Arbeit (die Büros) oder in den Häusern der Bildung. Auch die Gesundheitshäuser sind oft in Unordnung, weil viele Unternehmen auf die Dominanz bloßen Wirtschaftens setzen, womit die Häuser einen Teil ihrer Funktion als Schutzgeber:innen, Gemeinschaftsstiftende und Kulturproduzent:innen verlieren. In besonderer Weise leidet das Haus der Pflege darunter. Denn der enge Kontakt zwischen Menschen – wie er in der Pflege besteht – verträgt keine Reduktion auf Bilanzierung und Ökonomie, auf Nüchternheit und Sachlichkeit. Das Wesen der Pflege beruht auf zuwenden, geben, fördern und anregen.

Doch anders als bei den potenten Großkonzernen fehlt hier natürlich das Geld, um karitative Zweckbauten zeitnah so umzugestalten, dass sowohl Personal als auch Patient:innen bzw. Besucher:innen in einem nährenden Umfeld leben und arbeiten können. Solange für den Einzug von Ästhetik keine staatlichen Förderungen bereitgestellt werden, liegt es an der Fantasie, den Ideen, der Improvisationskunst, der Innovationsbereitschaft von Geschäftsführung, Heimleitung und Personal, mit den wenigen Bordmitteln für Veränderung zu sorgen und den eigenen Arbeitsplatz zu einem Ort mit Strahlkraft zu machen. Im Falle eines Altenheims läge der Vorsprung dann definitiv nicht in der Investition in einen mit Kunstfell überzogenen Pflegeroboter, der von seinem Erfinder „sozial programmiert“ wurde, sondern in der Investition in authentische Seelennahrung für Patient und Pflegekraft.

Jan Teunen ist Co-Autor der Bücher „Officina Humana“ und „Wo die Seele singt“ und Geschäftsführer der Teunen Konzepte GmbH. Als Cultural Capital Producer erarbeitet er für Unternehmen Konzepte, die dazu beitragen sollen, eine nachhaltige Unternehmenskultur zu entwickeln. Laut Teunen erzeugt die Dominanz der rationalen und einseitig auf die Ökonomie zugeschnittenen Arbeitswelt große Reibungsverluste, die die Entfaltung von Kultur behindern. Sein Bestreben ist es, diese Reibung zu reduzieren und damit die Unternehmenskultur und Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Foto Jan Teunen: Hans Schlegel
Verantwortlich für Text und Illustration: Jan Teunen