Was das mobile Arbeiten und neue Arbeitswelten mit unseren Büros macht, darüber wird aktuell viel diskutiert. Dabei geht es aber oftmals um Zahlen, Daten, Fakten. Wir bei combine denken, dass bei all dem auch der Mensch nicht vergessen werden sollte. Schließlich ist das Büro für die meisten der Ort, an dem der Großteil der Arbeits(lebens)zeit verbracht wird.

In einer regelmäßig im combine Magazin erscheinenden Gast-Kolumne stellt Jan Teunen den Menschen in den Mittelpunkt als inspirierende Gegenthese zur wirtschaftlichen Rationalität.

„Menschen wollen zweierlei: Freiheit und Zugehörigkeit. Sie arbeiten gerne im Team, brauchen aber auch individuelle Freiräume. In diesem Spannungsfeld entfalten sie ihre Potenziale.“ (Christoph Quarch)

Was fehlt, wenn Menschen nicht mehr zusammenkommen können, zeigt sich während der Corona-Pandemie wohl nirgendwo so eindringlich wie an einem ganz speziellen Arbeitsplatz: in Fußballstadien. Dabei geht es längst nicht nur um den Anblick der trostlosen Kulisse unbelebter Betonbauten. Teams, deren Arenen als uneinnehmbare Festungen galten, werden ohne die Energie des eigenen Publikums plötzlich vom Gegner haushoch geschlagen. Mannschaften, die in Rückstand geraten, brechen psychisch zusammen und geben sich der Niederlage hin, anstatt sich ihr entgegenzustemmen. Der sogenannte Heimvorteil ist verschwunden. Menschenmengen vermögen es offenbar, eine ganz spezielle Kraft zu entwickeln, die nicht nur die Gruppe selbst beseelt, sondern auch über sie hinaus eine nicht zu unterschätzende Wirkung erzielt.

Diese Wirkung, diese Kraft der Vielen, ist nicht nur über die Dezibelzahl nachweisbar. Zahlreiche Studien wie Erfahrungen deuten darauf hin, dass dann, wenn Menschen mit gleicher Haltung und einer gemeinsamen Mission einander begegnen und miteinander agieren, ein Feld entsteht, das den Akteuren ermöglicht, über sich hinauszuwachsen. So gehen Vertreter aus Quantenphysik und Quantenphilosphie längst davon aus, dass jedes Individuum mit seinem Bewusstsein nicht nur Realität erschafft, sondern viele Individuen dabei einen ungleich stärkeren Effekt bewirken können. Das reicht vom Fußball bis hin zur Büroarbeit. Nun stellt sich die große Frage, ob uns angesichts der Corona-bedingten Zersprengung von Gruppenereignissen sowie der fortschreitenden digitalen Zersplitterung der Arbeitswelt etwas verloren geht, was wir eigentlich dringend benötigen? Übertragen auf die Usancen des New Work: Können wir vom Home Office aus oder, sagen wir, in virtuellen Räumen unser ganzes Potenzial entfesseln, von dem letztlich der Erfolg eines Unternehmens abhängt?

Co-kreative Arbeit braucht, wenn sie gelingen soll, Begegnung und Nähe.

Auf den ersten Blick: Kein Zoom, kein Teams der Welt kann ein reales Gruppenereignis ersetzen. Das im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen gehende Gemeinschaftsgefühl bleibt durch die fehlende Nähe oft aus. Die kostbare Stimmung, das angenehme Ambiente können digital nicht reproduziert werden. Und auch die Quantenphysik hat schon vor vielen Jahrzehnten erkannt, dass naturwissenschaftliche Experimente auf atomarer Ebene vom Bewusstsein des im selben Raum stehenden Experimentators beeinflusst werden und somit ganz subjektive Realitäten entstehen. Das alles könnte zu der Annahme verleiten, dass die räumliche Abwesenheit von Menschen zwangsläufig zu einem Zusammenbruch dieser gestalterischen Kraft führen muss.

Junge Menschen arbeiten zusammen

Natürlich werden wir in Zukunft auch jenseits pandemischer Ereignisse viel häufiger virtuell kommunizieren, natürlich ist es in Anbetracht des Klimawandels sinnvoll, auf viele Dienstreisen und manche Pendelei zum Arbeitsplatz zu verzichten und stattdessen über ein digitales Tool zusammenzukommen. Es wird also darauf ankommen, ob wir auch jenseits des Konferenztisches, ob wir jenseits gemeinsamer Plätze, ob wir mit den Hilfsmitteln virtueller Versammlungen einen gemeinsamen Geist erschaffen können, der ebenso stark wirkt wie in der Präsenz.

Die Zuversicht, dass das gelingen kann, können wir ebenfalls in der Quantenphysik schöpfen. Wie viele seiner Vor-Denker geht auch der Biologe und Quantenphilosoph Ulrich Warnke davon aus, dass wir Menschen mit unserem Bewusstsein Zugriff auf ein universell verbreitetes Feld haben, das uns zugleich miteinander verbindet. In diesem Feld bietet sich laut Warnke das „Meer aller Möglichkeiten“, das wir mit unserem kollektiven Bewusstsein ortsunabhängig beeinflussen und in eine Richtung bewegen können. Das klingt gut, wäre ein schöner Trost, setzt aus meiner Sicht aber eines voraus: dass wir es trotz der zunehmenden Dezentralität schaffen, mit unserem Geist genau so leidenschaftlich, genau so konzentriert, genau so achtsam auf den Punkt da zu sein wie bei einem Meeting im Büro.

Dennoch sind Einwände ernst zu nehmen, digitale Tools könnten die direkte Begegnung niemals komplett ersetzen. Wir sollten darum Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in steter Regelmäßigkeit reale Räume schaffen, um auch unter sowie nach pandemischen Bedingungen zusammenkommen zu können. Das sollten nährende Gefühlsräume sein und keine toten Säle, die wir aus nüchternen Teambuilding-Workshops kennen. Das sollten fruchtbare Terrains sein, in denen wir uns – im krassen Gegensatz zur virtuellen Welt – als Menschen erleben und wahrnehmen.

Zwei Gliederpuppen aus Holz umarmen sich

Überlassen wir die Zukunft allein den digitalen Tools, schenken wir etwas her, das kein Algorithmus der Welt ersetzen kann: den menschlichen Faktor. Der Cyberspace ist kein Ort der Liebe. Ein Emoji kann keine Umarmung ersetzen. Und auch ein Glas Wein schmeckt anders, wenn man einander nur vor dem Bildschirm zuprostet. Im lauten Jubel um die Boni der Digitalität wird es in der Verantwortung von Führungskräften liegen, nicht jeder vermeintlichen Innovation hinterherzulaufen, sondern die analogen Seiten des Lebens weiterhin zu kultivieren und damit auch den Geist der Gruppe am Brennen zu halten.

Jan Teunen ist Co-Autor der Bücher „Officina Humana“ und „Wo die Seele singt“ und Geschäftsführer der Teunen Konzepte GmbH. Als Cultural Capital Producer erarbeitet er für Unternehmen Konzepte, die dazu beitragen sollen, eine nachhaltige Unternehmenskultur zu entwickeln. Laut Teunen erzeugt die Dominanz der rationalen und einseitig auf die Ökonomie zugeschnittenen Arbeitswelt große Reibungsverluste, die die Entfaltung von Kultur behindern. Sein Bestreben ist es, diese Reibung zu reduzieren und damit die Unternehmenskultur und Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Foto Jan Teunen: Hans Schlegel

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