Was das mobile Arbeiten und neue Arbeitswelten mit unseren Büros macht, darüber wird aktuell viel diskutiert. Dabei geht es aber oftmals um Zahlen, Daten, Fakten. Wir bei combine denken, dass bei all dem auch der Mensch nicht vergessen werden sollte. Schließlich ist das Büro für die meisten der Ort, an dem der Großteil der Arbeits(lebens)zeit verbracht wird.

In einer regelmäßig im combine Magazin erscheinenden Gast-Kolumne stellt Jan Teunen den Menschen in den Mittelpunkt als inspirierende Gegenthese zur wirtschaftlichen Rationalität.

„Es gibt Momente, wo ich finde, dass die Sprache noch gar nichts ist.“ (Ludwig van Beethoven)

Das werden Sie sicher kennen: Sie sind zu Gast auf einer Party, mit Dutzenden von Menschen stehen Sie in einem Raum, während im Hintergrund Musik läuft, dazu dumpfes Gemurmel, hysterisches Gelächter, wahrscheinlich lässt mal wieder jemand ein Glas fallen, ein Durcheinander von Tönen, Klängen und Geräuschen – und trotzdem, auf wundersame Weise, können Sie Ihr Gegenüber beim Smalltalk verstehen. „Cocktailparty-Effekt“ wird dieses Phänomen genannt. Unser Gehirn ist in der Lage, die Schallquelle, auf die wir uns konzentrieren, auf die wir unsere Achtsamkeit richten, zwei- bis dreimal lauter wahrzunehmen als den Sound der Umgebung. Und das Gehirn kann noch etwas: Die Fokussierung auf die räumliche Position des Gesprächspartners erleichtert es uns, uns das aus dieser Richtung Gesagte besser zu merken.

Menschen auf einer Party unterhalten sich und trinken

Nun stellen wir uns vor, wir treffen uns mit der Partygemeinde nicht vor Ort, sondern stoßen per Zoom-Konferenz an oder per Skype oder Teams. Viele haben das während der Corona-Pandemie getan. Oder versetzen wir uns in einen der virtuellen Konferenzräume, die es auch nach der Pandemie aufgrund vieler Vorteile vermehrt geben wird. Obwohl wir immer noch eine Gruppe sind, fällt die Kommunikation plötzlich schwerer. Denn der Raum ist quasi aufgelöst. Sämtliche Schallquellen kommen aus einer einzigen Richtung, und wenn wir einen Kopfhörer tragen oder ein Headset, scheinen sogar alle Geräusche aus dem eigenen Kopf zu kommen. Die wunderbare Fähigkeit unseres Gehirns zur Entschlüsselung und Erinnerungsfähigkeit von Sprache und sprachlichen Inhalten kommt plötzlich nicht mehr zum Tragen. Im Gegenteil. Unser Gehirn ist irritiert, weil es die Kakophonie aus einer Quelle nicht gewohnt ist, und die Inhalte mühevoll zerlegen und zuordnen muss. Auf Dauer führen derartige Erfahrungen – gemeinsam mit anderen Einflüssen – zu einem neuen Phänomen, das die Medizin „Zoom-Fatigue“ nennt, ein Erschöpfungssyndrom, ausgelöst durch audiovisuelle Tools.

Viele Menschen stehen nebeneinander und starren auf ihre Smartphones

Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Digitalität unsere zwischenmenschliche Kommunikation erschweren kann. Digitalität reduziert und komprimiert die Fülle von Elementen, die über Jahrtausende für das Gelingen des menschlichen Austauschs wichtig geworden sind. Dazu gehören auch die besonderen Atmosphären verschiedener Räume, der vielleicht außergewöhnliche Geschmack des Kaffees, den man zusammen trinkt, der direkte Blick in die Augen, der beim virtuellen Konferieren fehlt. Dazu gehören auch die feinsten Veränderungen in der Mimik und in der Stimmlage, die wertvolle Zusatzinformationen über das Gesagte hinaus enthalten, aber über die digitalen Kanäle oft verloren gehen.

Und es sind nicht die einzigen Elemente, die aus den Sphären der gelernten menschlichen Kommunikation verschwinden. Blicken wir auf auch auf die verschriftlichte und gelesene Sprache. Sie wird im Zuge von Whatsapperisierung und Twitterismus immer rudimentärer. Komplexe Inhalte werden drastisch verknappt. Emoji oder GIF taugen nur unzureichend, um den so wichtigen Subtext einer direkten Kommunikation mitzuliefern. Linguisten sind hier zwiegespalten. Einerseits führt der schriftliche digitale Austausch wohl dazu, dass sich Sprache weiterentwickelt und neue Wortschöpfungen entstehen. Andererseits ist eine Verkümmerung von Sprache festzustellen – die Komplexität von Satzstrukturen nimmt ab, es wird weniger auf Rechtschreibung, Groß- und Kleinschreibung sowie Zeichensetzung geachtet, und der Ausdruck wird umgangssprachlicher.

Leuchtschild mit Schriftzug BlahBlahBlah

Diese Verknappung führt notgedrungen zu Missverständnissen, fehlgeleiteten Energien, schlechter Laune oder sogar krassen Fehlentscheidungen. Auch hier möchte ich – wie anfangs bei der visuellen Kommunikation – ein konkretes Beispiel liefern. Stellen Sie sich vor, Sie erhalten von Ihrer Chefin oder einem Kollegen eine schnell geschriebene Nachricht, vielleicht sogar eine per Spracherkennung verschriftlichte Audionachricht, aus der Sie partout nicht schlau werden. Den Inhalt – ein Feedback oder eine Anweisung – könnten Sie so oder so verstehen. Die Chefin oder der Kollege ist nun aber gerade nicht mehr zu erreichen, reagiert nicht sofort auf Ihre Rückfrage oder hat – das können Sie ja je nach Kanal am Häkchen erkennen – Ihre Antwort noch gar nicht wahrgenommen. Das Problem hierbei ist ein psychologisches. Denn haben wir verschiedene Möglichkeiten einer Deutung einer Nachricht, entscheiden wir uns häufiger für die üble Variante als für die gute. „Negativitätseffekt“ heißt hier das Fachwort. Wozu das in Ehen, Unternehmen oder gar auf politischer Ebene führen kann, muss ich Ihnen nicht erzählen.

Welche Lösungen haben wir nun im Werkzeugkasten, um Vorkehrungen zu treffen? Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten, das ist klar, und das will auch niemand. Aber es scheint mir wichtig, wenn nicht sogar überlebenswichtig, dass wir parallel zur virtuellen Kommunikation unsere Sprache, die Schönheit unserer Sprache, pflegen und kultivieren. Dieses Bemühen liegt in der Verantwortung eines jeden Konzerns, einer jeden Organisation, die Menschen einen (virtuellen) Arbeitsplatz bietet. Das gelingt natürlich über den direkten Austausch, also regelmäßige Zusammenkünfte, bei denen die alten Gewohnheiten von Kommunikation wiederhergestellt werden und Kolleginnen und Kollegen in Gruppen beieinandersitzen- oder stehen. Das kann aber auch gelingen mit der Nutzung digitaler Mittel und ihres kreativen Einsatzes.

Ein gestreamter Poetry-Slam im Unternehmen fände sicherlich viele begeisterte Teilnehmer und Zuhörer, und auch ein Geschichtenwettbewerb veranlasst Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz sicher dazu, sich wieder intensiver und mit mehr Muße mit fantasievoller Sprache zu beschäftigen. Denn der Mensch war immer schon ein begeisterter Geschichtenverbreiter wie ein begeisterter Geschichtenaufsauger. Das war so an den bronzezeitlichen Lagerfeuern, und das ist so an den Bildschirmen der Postmoderne. Nur müssen wir heute begreifen, dass ein „Es war einmal“ mehr Sinn und Segen stiftet als ein „fyi tbc glg“.

Jan Teunen ist Co-Autor der Bücher „Officina Humana“ und „Wo die Seele singt“ und Geschäftsführer der Teunen Konzepte GmbH. Als Cultural Capital Producer erarbeitet er für Unternehmen Konzepte, die dazu beitragen sollen, eine nachhaltige Unternehmenskultur zu entwickeln. Laut Teunen erzeugt die Dominanz der rationalen und einseitig auf die Ökonomie zugeschnittenen Arbeitswelt große Reibungsverluste, die die Entfaltung von Kultur behindern. Sein Bestreben ist es, diese Reibung zu reduzieren und damit die Unternehmenskultur und Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Foto Jan Teunen: Hans Schlegel

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