Hybride Arbeit als Frage unternehmerischer Gesamtverantwortung

Hybrides Arbeiten stürzt die Arbeitswelt ins Chaos“, so der Titel eines kürzlich erschienenen SZ-Kommentars. Es folgte eine Bestandsaufnahme und das Fazit, wonach hybrides Arbeiten schwer zu organisieren und doch alternativlos sei. Es liege allein in der Verantwortung der Unternehmen, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

So weit, so einseitig. Dass das Thema hybrides Arbeiten Beschäftigte und Unternehmer:innen umtreibt und dass es sich aus der Arbeitswelt nicht mehr wegdenken lässt, ist gesetzt. Zu groß der lebenspraktische Freiraum, den die technischen Möglichkeiten eröffnen und den Arbeitnehmer:innen spätestens unter dem Druck der Pandemie schätzen lernen durften.

Doch das hybride Arbeiten stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Auch das ist gesetzt. Denn Technik allein reicht nicht. Die räumlichen und kulturellen Voraussetzungen müssen nachziehen. Das merken wir immer dann, wenn es hapert und klemmt. Wenn es Probleme gibt und wir doch wissen: Es wird nie mehr so wie früher. Diesen Umstand bringen viele Debattenbeiträge auf einen einfachen Nenner. Unternehmen bringt das in der Sache aber nicht voran. Das gelingt nur mit einer ganzheitlichen Betrachtung des Themas.

Unternehmen sammeln heute die Erfahrungen von morgen

hybrides Arbeiten

Genau zu verstehen, was „hybrides Arbeiten“ im Einzelfall bedeutet und wo für Organisationen Probleme auftauchen, ist zentral. Denn wir alle betreten Neuland und erleben uns als Spielfiguren auf dem Experimentierfeld für die gegenwärtige und die zukünftige Arbeitswelt. Um die Möglichkeiten, Grenzen und Regeln dieses neuen (Zusammen-)Spiels auszuloten, ist eine gemeinsame Basis unerlässlich.

Hybrides Arbeiten – so gängig der Begriff, so vielfältig seine Ausprägungen. „Office First“ oder „Remote First“? Teilflexibel oder vollflexibel? Welche individuelle Dynamik ergibt sich aus den neuen Dimensionen von „Arbeitsraum“ und „Arbeitszeit“? Klar ist: Räumen Organisationen den Mitarbeiter:innen mehr Autonomie in Sachen Zeit und Raum ein, hat das Auswirkungen auf die Unternehmens- und Führungskultur und zieht notwendige Veränderungen nach sich. Denn die Freiheit des einen bedingt stets die Einschränkung der Freiheit des anderen. Es ist auf vielen Ebenen ein Balance-Akt, der gelingen muss.

Es geht nicht ohne Disziplin und Verantwortung

Das führt uns das hybride Arbeiten vor allem dann vor Augen, wenn mehrere Menschen zusammen an Ergebnissen arbeiten. Die Herausforderung besteht darin, den gemeinsamen Austausch nicht nur zu bewältigen, sondern im Dienst des Prozesses das Bestmögliche aus jedem Format herauszuholen.

Daraus ergibt sich zusätzliche Verantwortung für das Unternehmen im Ganzen – und zugleich für jeden einzelnen Beschäftigten. Damit hybrides Arbeiten gelingen kann, muss es als Gesamtverantwortung begriffen werden. Es geht nicht darum, entweder die Autonomie der Mitarbeiter:innen oder das Führungsverständnis in Frage zu stellen. Es geht um die Arbeitsinhalte.

Der Inhalt bestimmt das Format

Hybridität setzt den Gedanken des tätigkeitsbasierten Arbeitens damit konsequent fort. Es gibt Tätigkeiten, die lassen sich nur im Büro umsetzen. Und es gibt Termine, für die ist Präsenz unerlässlich. Das gilt im Besonderen für (noch) fragile oder instabile Teams und Inhalte. Je vertrauter die Menschen, je klarer die Agenda und je fortgeschrittener die Prozesse, desto erfolgreicher lässt sich hybrid zusammenarbeiten. In jedem Fall bedarf es dafür klarer Regeln und Strukturen.

Die gute Nachricht: Jedes Unternehmen kann seine Kultur an allen relevanten Punkten jederzeit auf den Prüfstand stellen. Dabei gibt es kein richtig und kein falsch, es geht um die Analyse des Status quo und seine Auswirkungen auf die Potenziale des hybriden Arbeitens. Wie eigenverantwortlich sind Mitarbeiter:innen? Welchen Reifegrad hat die Führungskultur? Wie belastbar ist der 360-Grad-Rahmen, der sich aus Bricks, Bytes und Behaviour zusammensetzt? Dieser Rahmen eröffnet einerseits die Freiräume für das hybride Arbeiten, gleichzeitig bietet er den Halt, auf den Menschen in Organisationen angewiesen sind.

Gefragt ist ein ganzheitlicher Kultur-Check. Eine Herausforderung, die es sich anzugehen lohnt. Denn jetzt ist der Zeitpunkt, die Arbeitswelt neu zu denken, die erzwungenen Neuerungen in gewollte, in gewünschte Bahnen zu lenken, die eigene Organisation zu hinterfragen, Mitarbeiter:innen zu involvieren und das Büro zu einem Sehnsuchtsort zu machen. Auch und gerade in Zeiten des hybriden Arbeitens.

Fotos: combine