Es ist noch nicht allzu lange her, da bezeichneten Futurolog:innen und Consulting-Firmen den demografischen Wandel hierzulande als einen der wichtigsten Megatrends der Zukunft. Inzwischen haben finanzielle Krisen, globale Epidemien und der sich rasch verstärkende Klimawandel die Altersfrage zusehends aus dem Rampenlicht verdrängt. Zeit, sich wieder mit dem Thema zu befassen.

Eine epochale Veränderung – auch für die Arbeitswelt

Die rasante Veränderung in der Altersstruktur unserer Gesellschaft wird von mehreren Faktoren vorangetrieben. Zum einen von der Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung, die sich in den vergangenen 150 Jahren auf aktuell 78,6 (bei Männern) bzw. 83,4 Jahren (bei Frauen) verdoppelt hat. Außerdem hat sich die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen von 20 Prozent im Jahr 2000 auf 60 Prozent im Jahr 2020 verdreifacht (zum Begriff: Erwerbstätigenquoten zeigen den Anteil der Erwerbstätigen an der gleichaltrigen Bevölkerung; Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales).

Was bedeutet das konkret, besonders im Hinblick auf die Zukunft der Arbeitswelt? Zuallererst muss betont werden, dass die Altersfrage nicht von der allgemeinen Transformation der Arbeitsmodelle losgelöst werden kann. Anders gesagt: Die zunehmende Flexibilisierung der Arbeit in einer immer digitaler werdenden Wirtschaft muss Hand in Hand mit der Schaffung neuer Arbeitsmodelle gehen, die einer alternden Gesellschaft gerecht werden.

Frau liest Unterlagen

Flexibles Arbeiten wird generationsübergreifend relevant

Werden heute flexible Arbeitszeiten und flexibles Arbeiten noch eher mit jungen Alterskohorten in Verbindung gebracht, gilt es jetzt, diese Modelle auch auf die Altersgruppe 50+ zu übertragen. Das heißt zum Beispiel, dass Teilzeit, Gleitmodelle und flexibles Arbeiten zunehmend auch für Arbeitnehmer:innen mit langjähriger Erfahrung attraktiv werden müssen. Attraktive Bildungsangebote werden außerdem auch eine bedeutende Rolle spielen. Dies ist ein Projekt, dass HR-Abteilungen in Deutschland und Europa in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen wird. Dabei gibt es verschiedene Modelle und Instrumente, auf die man zurückgreifen kann, um den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand attraktiv zu gestalten. Diese drei Varianten sind beispielsweise bei der sogenannten Altersteilzeit in Deutschland etabliert (Quelle: BMAS):

Gleichverteilungsmodell – Die Arbeitszeit wird über den gesamten Zeitraum der Altersteilzeit auf die Hälfte reduziert. Dies kann zum Beispiel mit halben Arbeitstagen oder weniger Arbeitstagen pro Woche realisiert werden.

Blockmodell – Die Altersteilzeit wird in zwei gleich lange Phasen unterteilt. In der ersten Phase (Arbeitsphase) wird regulär weitergearbeitet, in der zweiten Phase (Freistellungsphase) wird gar nicht mehr gearbeitet.

Personalisierte Modelle – Die genaue Verteilung der Arbeitszeit können Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen individuell vereinbaren. So ist zum Beispiel auch eine stufenweise Reduzierung der Arbeitszeit / Arbeitstage möglich.

Remote Work statt Frührente

Ebenso wie flexible Arbeitszeiten wird auch Remote Work meist eher mit jüngeren Arbeitsgruppen in Verbindung gebracht. Dabei ist schon heute auffällig, dass auch ältere Arbeitnehmer:innen von der Etablierung der Fernarbeit während der Corona-Krise profitiert haben. Homeoffice ist längst nicht nur für junge Start-up-Professionals alltagsprägend; in den vergangenen Monaten stellten auch etablierte Unternehmen ihren langjährigen Mitarbeiter:innen diese Option zur Verfügung. Die Arbeitswelt der Zukunft wird mit hoher Wahrscheinlichkeit von hybriden Arbeitsmodellen geprägt sein, in denen Remote Work und Präsenzarbeit koexistieren werden – und diese neue Realität wird alle Altersklassen berühren.

Das bedeutet unter anderem, dass auch andere Phänomene der neuen Arbeitswelt, wie digitaler Nomadismus und Workation, in Zukunft zunehmend auch von älteren Arbeitnehmer:innen genutzt werden. Denn schon heute zeichnet sich ab, dass die Arbeitsrealität der Generation X und der Babyboomer vom dominierenden Narrativ in sozialen Medien, Blogs und Fachzeitschriften nicht ausreichend repräsentiert wird.

Mann im office

Die Suche nach dem guten Leben im Alter

Unternehmer wie der Gründer und Geschäftsführer der 50+ Lifestyle-Plattform Ageist, David Harry Stewart, oder Jan Garde, Mitgründer des neuartigen Seniorenresidenzkonzepts The Embassies (mehr dazu in unserem Interview mit Jan Garde, das in den kommenden Wochen erscheinen wird), haben diese Marktlücke erkannt. Mit ihren Projekten wollen sie beweisen, dass ältere Arbeitnehmer:innen nicht zwingend zu pastellfarbentragenden Rentner:innen mit silbergrauem Haar werden müssen, sondern dass flexibles Arbeiten, lebenslanges Lernen, Remote Work und Coworking schon längst generationsübergreifende Realitäten sind.

In einer Gesellschaft, in der sich der gesundheitliche Zustand sowie die professionellen Fähigkeiten älterer Arbeitnehmer:innen ständig – und erheblich – verbessern, während der Kampf um gut ausgebildete Arbeitskräfte zunimmt, ist durchaus denkbar, dass der Arbeitsmarkt gezwungen sein wird, Angebote zu entwickeln, die den Wünschen und Erwartungen älterer Fachkräfte gerecht werden und diese neuen Realitäten korrekt abbilden.

Bessere Arbeitsmodelle für alle Arbeitsgruppen

Fünf Kolleg:innen an einem Tisch

Dabei ist nicht gesagt, dass die daraus resultierenden Vorteile nur der Generation 50+ zugutekommen werden: Unsere eigene Erfahrung bei combine hat gezeigt, dass das Wissen älterer Mitarbeiter:innen für jüngere eine enorme Bereicherung darstellt und das gesamte Unternehmen davon profitiert, wenn es gelingt, ältere Fachkräfte auch über das Rentenalter hinaus zu halten.

Darüber hinaus plädieren auch Arbeitsexpert:innen für die Etablierung neuartiger Arbeitsstrukturen, in denen verschiedene Altersgruppen zunehmend zusammenarbeiten: Der interdisziplinäre Diskurs über die demografische Veränderung der Gesellschaft könnte in diesem Sinne einen wichtigen Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt leisten. Es gilt also, generationenübergreifende Arbeitsmodelle, wie sie früher in vielen Familien selbstverständlich waren, in unserer globalisierten und digitalisierten Welt neu zu etablieren – zum Wohle aller Beteiligten.

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