Ein kritischer Beitrag von Zukunftsforscher Kai Gondlach, Teil 2

Ist der Purpose-Gedanke wirklich zum Scheitern verurteilt, weil man seine individuellen Auslegungen nicht so einfach auf eine Organisation übertragen kann?  Im zweiten Teil der kritischen Auseinandersetzung mit dem „Buzz“-Thema Purpose findet unser Gast-Autor Kai Gondlach immerhin einen zukunftsfähigen Minimalkonsens.

Der Sinn ist tot, es lebe der Sinn!

Bei aller Liebe zur Sinndiskussion und einem irgendwie erfüllten Leben, halte ich fest: Die Purpose-Diskussion ist entweder inhaltsleer oder die Perversion der Arbeitskultur. Sicherlich gibt es einige, insbesondere kleine Unternehmen, in denen es möglich sein könnte, mehrere Menschen mit einer großen Schnittmenge in Bezug auf ihren Sinn zu versammeln. Natürlich wird jede einzelne Einheit Einschränkungen hinnehmen müssen, weil der Teufel natürlich auch hier im Detail liegt.

Frau arbeitet mit Laptop an einem Stehtisch vor Bergpanorama

Im Grunde haben wir es bei der Purpose-Diskussion aber mit einem neuen Level von Work-Life-Balance zu tun: Es wird versucht, Arbeit möglichst mit dem Privatleben der Beschäftigten zu matchen. Diese Vorstellung einer Mischung aus Stepstone und Tinder kann aber nichts mehr als eine Illusion sein, um die Effizienz der Arbeitskraft zu erhöhen – unter der Annahme, dass durch erhöhte Identifikation auch mehr Leistung erzielt wird. Das lässt außer Acht, dass weiterhin die Hälfte der Erwerbstätigen durch extrinsische Anreize motiviert wird und weder heute noch in zehn Jahren alle Jobs erstrebenswert oder mit einem irgendwie gearteten Sinn versehen sind, der darüber hinausgeht, die Kund:innen meines Arbeitsgebers zu bedienen oder eine andere Teilfunktion im großen Getriebe zu übernehmen. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Sinndebatte vor allem in den Luxusbereichen geführt wird, in denen wir bei einem Großteil über der Schwelle des maximalen Glückseinkommens von ca. 75.000 Euro im Jahr liegen. Das bedeutet, jede weitere Gehaltserhöhung trägt nicht mehr per se zum Wohlbefinden bei; also musste sich die Diskussion ja in Richtung Sinn und anderer persönlicher Merkmale bewegen.

drei Stapel Münzen, aus denen kleine Pflanzen wachsen

Die anderen wiederum möchten gern klassisch zur Arbeit gehen und nach Feierabend – unabhängig von der Uhrzeit – den Kopf mit anderen Inhalten füllen. Und ganz ehrlich: Warum auch nicht. Nicht jede:r kann oder möchte mehr Verantwortung übernehmen oder gleich ein eigenes Unternehmen gründen. Statt nun also unter Krampf eine Purpose-Initiative zu starten, könnte es für beide Seiten besser sein, über die individuellen Anreize zu sprechen, wie man besser und erfolgreicher zusammenarbeiten kann. Machen Sie sich auf Überraschungen gefasst!

Die Zukunft des Purpose

Aus Sicht eines Zukunftsforschers befinden sich die Strukturen des Wirtschafts- und Finanzsystems in einer grundlegenden Transformation. Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass der nahezu zügellos freie Markt zwar Antworten auf die Deckung einer Konsumptionsnachfrage finden konnte, dass kollektive Herausforderungen dadurch aber übersehen oder auch bewusst ignoriert wurden. Mit Blick auf die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) der Vereinten Nationen und die Theorie der Spiral Dynamics könnte die fundamentale Art des Wirtschaftens sich in den kommenden Jahren wandeln; sicherlich nicht ohne massive regulatorische Eingriffe auf nationaler und internationaler Ebene. Denn es braucht Anreize und auch strukturelle Einschnitte zur umweltverträglichen Kollaboration bei gleichzeitiger Umverteilung monetärer und Macht-Ressourcen, sonst sind die ambitionierten SDGs nicht zu erreichen. Und wenn es einen langfristig erstrebenswerten Purpose-Minimalkonsens hinsichtlich der Zukunft gibt, dann diesen. In einer komplexen, dynamischen und ambigen Zukunft wird sich schließlich die Struktur von Unternehmen drastisch ändern müssen; Konzepte wie Sozio- oder Holokratie liefern Ansätze für die neue Logik. Hierzu lohnt sich ein gründlicher Blick in Laloux‘ „Reinventing Organizations“ und die Grundlagen der Kreislaufwirtschaft.

Fotos: Pixabay, Unsplash

Kai Gondlach

Geboren in Schleswig-Holstein, seit 2015 wohnhaft in Leipzig: Kai Gondlach ist akademischer Zukunftsforscher und passionierter Keynote-Speaker. An sein Studium der Soziologie sowie Politik- und Verwaltungswissenschaft schloss er einen Master in Zukunftsforschung an. Nach einigen beruflichen Stationen, darunter u. a. bei der Deutschen Bahn und als Senior Research Fellow in einem großen deutschen Trendforschungsinstitut, widmete er sich in spannenden Forschungs- und Strategieprojekten Unternehmen unterschiedlichster Branchen. Seine Erkenntnisse aus Theorie und Praxis teilte er bereits in über 300 Keynote-Vorträgen. Seit 2019 ist Kai Gondlach selbstständig und u.a. Host des Podcasts „Im Hier und Morgen“. Darüber hinaus engagiert er sich in der Gemeinschaft der akademischen Zukunftsforschenden. Zukunft ist für Kai Gondlach eine Frage der Perspektive, die Gestaltung einer positiven Zukunft für alle ist seine Mission.

 

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