Jahrelang schien der Siegeszug des Urbanen unaufhaltsam. Ob man auf etablierte Alfa-Städte wie München oder auf aufstrebende Metropolen wie Berlin schaute: überall boom-artiges Wachstum, frenetische Bautätigkeit und ein unerschöpflicher Zustrom neuer Bewohner.

Die Corona-Pandemie scheint diesen Trend zumindest vorläufig ausgebremst zu haben: Plötzlich sehnen sich Großstädter nach Landidylle, und selten war die Idee so unattraktiv, inmitten Millionen anderer Menschen auf kleinstem Raum zu leben – und zu arbeiten. Nur ein temporärer Trend? Oder bahnt sich hier ein dauerhafter Umschwung an? Und wie würde eine bleibende Abwendung von der Urbanisierung die Zukunft der Arbeit prägen?

Pandemiebedingter Trend – oder langfristige Tendenz?

Tatsächlich lag ein Trendwechsel schon vor Ausbruch der Pandemie in der Luft: Bereits 2014 sind zum ersten Mal mehr Deutsche aus Berlin, Hamburg und den fünf anderen größten deutschen Städten weggezogen als neu hinzukamen (Kollenbroich/Teevs/Kaiser 2016). Die Gründe für die Stadtflucht sind entweder finanzieller Natur oder liegen in der Sehnsucht nach mehr Ruhe und Übersichtlichkeit – oder einer Mischung aus beidem.
Rasant steigende Wohnraumkosten zum einen und ein langsamer, aber stetiger Kulturwandel Richtung Landsehnsucht zum anderen, helfen dem sogenannten „Speckgürtel“ schon seit mehreren Jahren zu konstant wachsender Beliebtheit, besonders unter jungen Familien.

Um dieses Phänomen zu erklären, hat Regionalentwicklungs-Experte Olaf Arndt den Begriff der „60-Minuten-Stadt“ geprägt. Eine Stunde: dies sei laut Arndt die maximale Entfernung, die Pendler im Durchschnitt bereit seien, zwischen Arbeitsplatz und Wohnort zurückzulegen. Da die Anziehungskraft großer Städte noch immer größtenteils von deren Wirtschaftskraft, Kultur- und Bildungsangebot und den guten Arbeitsplätzen ausgehe, seien Mobilität und Integration mit dem Umland die zentralen Aspekte, nach denen sich Stadtentwicklung in Zukunft richten müsse.

„Durch Corona haben wir verstanden, dass Homeoffice besser funktioniert, als vermutet. Wir können inzwischen davon ausgehen, dass viele Mitarbeiter:innen auch nach der Pandemie nur noch zwei oder drei Tage pro Woche ins Büro kommen wollen“, erklärt Dr. Sandra Breuer, Mitgeschäftsführerin von combine: „Das macht die einstündige Fahrt in die City erträglicher, mitunter sogar obsolet, da sich aktuell immer mehr alternative Arbeitsoptionen wie Co-Working auf dem Land  eröffnen“.

Die Innenstadt muss neu erfunden werden

Die These der 60-Minuten-Stadt erweitert unser Stadtverständnis, sie widerlegt es jedoch nicht grundsätzlich. Städte bleiben auch in dieser Vision die Zugpferde der Wirtschaft: Der Ort, an dem sich Arbeitschancen, Talente und Ideen ballen, während ländliche Regionen, die außerhalb des 60-Minuten-Radius liegen, weiter mit Bevölkerungsschwund und Landflucht zu kämpfen haben werden.

Es zeichnet sich aber auch ab, dass Städte vor einem strukturellen Wandel stehen, der sich am ehesten noch mit den De-Industrialisierungsprozessen der 1970er-Jahre vergleichen lässt. Auch damals wanderten junge, gutverdienende Familien aus den strukturschwachen Stadtzentren in Richtung Speckgürtel ab. Heute sind die Gründe für die Abwanderung andere, allen voran eine wachsende Raum- und Wohnungsnot. Und doch: Genau wie damals scheint eine Neuerfindung der Innenstädte unausweichlich.
Begleiterscheinungen der Digitalisierung wie Online-Shopping und Remote Work, die bereits vor der Pandemie unter dem Verdacht standen, die Innenstadt zum Auslaufmodell zu machen, wurden durch COVID-19 regelrecht beflügelt.

Grundeigentümer, Lokalpolitiker und Stadtplaner sind sich weitgehend einig, dass die klassischen Zentren mit ihrer hohen Bürodichte, leblosen Plätzen und großflächigen Einkaufshäusern ein Auslaufmodell sind. „In vielen deutschen Großstädten wird inzwischen erkannt, dass in den Innenstädten dringend etwas passieren muss, wenn sie wieder zum Leben erweckt werden sollen.“, so Dr. Breuer. „Der Süden zeigt uns mit seinen innerstädtischen, vitalen Promenaden in Städten wie Barcelona oder Lissabon, wie es funktioniert! Auch bei uns sind Parkbänke unter Bäumen, Plätze mit Straßencafés, kleine Lebensmittel- und Designläden neben den Häusern großer Marken vorstellbar. Aber eben auch Kitas, Wohnungen und zahlungskräftige Büroflächen, die es dem Eigentümer möglich machen, niedrigere Mieteinkünfte quer zu finanzieren. Dann kommen die Menschen auch wieder gerne zum Arbeiten in die City oder entscheiden sich sogar dafür, daraus ihr Wohnquartier zu machen!“

Offenbach am Main hat als eine der ersten deutschen Städte bereits 2018 einen vom Hamburger Büro Urbanista entwickelten Plan vorgelegt, um den gesamten City-Bereich umzubauen. Die Vision sei es, so ein Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Offenbacher Innenstadt wieder zu einem „Ort des Wohnens, Arbeitens und womöglich auch des Produzierens – kurz: des Lebens“ zu machen. Eine Gleichung „weniger Büros = mehr Wohnen“ würde banalisieren, worum es hier tatsächlich geht: nämlich um Fragen der Architektur, der Gestaltung, und – vor allem – der menschlichen Interaktion.
Um weiterhin attraktiv zu bleiben, werden sich innerstädtische Büroflächen zur Nachbarschaft öffnen müssen. Damit dies gelingt, ist eine Abkehr von der strikten Zonierung modernistischer Stadtplanung unverzichtbar.

Die Landrenaissance wird kein Selbstläufer

Die aktuellen Entwicklungen werden mutigen ländlichen Kommunen im Idealfall eine Chance bieten, dem langfristigen Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken. Gleichzeitig sollte man vorsichtig sein, deshalb eine Renaissance des Ländlichen auszurufen. Die Erfahrungen der Pioniere im Bereich Rural Coworking um Großstädte wie Berlin, Barcelona oder New York, in denen die kreative Klasse schon immer ihre Heimat hatte, zeigen, dass Arbeitsmöglichkeiten auf dem Land eher als „Coworkation“, also als Verbindung von Arbeiten (Co-Working) und Urlaub (Vacation), und weniger als dauerhafte Lösung verstanden werden.

Die neue Landmigration der Städter wird kein Selbstläufer sein. Politiker, Entwickler und Unternehmer werden nach Möglichkeiten suchen müssen, die lokale Infrastruktur so auszubauen, dass sie den Erwartungen der neuen Bewohner entspricht. Dazu gehört auch die Schaffung zeitgemäßer, also flexibler, offener und spannender Arbeitsorte, die nicht für sich leben, sondern – genau wie in den Innenstädten – aktiver Bestandteil einer Gemeinschaft sind, in der auch Gastronomie, Kultur und Gewerbe ihren Platz haben.

Ländliche Kommunen werden ihre Kräfte bündeln müssen, um durch gemeinsame Initiativen die lokale Infrastruktur auszubauen: nicht nur Schulen, Krankenhäuser und Nahverkehr, sondern auch Theater, Museen und Kulturzentren. Gelingt das, könnten sich sogar außerhalb der 60-Minuten Glocke der großen Metropolen attraktive, multizentrische Regionen herausbilden, in denen sich die Vorzüge des ländlichen Lebens mit denen des städtischen perfekt kombinieren lassen.