Ein Gespräch zwischen Dr. Laura Kienbaum und Veit Knickenberg, Geschäftsführung combine.

Aufgezeichnet von Markus Albers

Beim Bau rücken Themen wie Energieeffizienz und Nachhaltigkeit immer mehr in den Mittelpunkt, zum Teil geht das aber auf Kosten der Architekturqualität. Muss man sich daher für Qualität oder für Nachhaltigkeit entscheiden? Oder ist Nachhaltigkeit gar der Feind der Qualität?

Laura: Feind würde ich nicht direkt sagen. Aber energieeffiziente Lösungen werden auf der Baustelle leider sowohl beim Bestand als auch bei Neubauten häufig auf Kosten der Architekturqualität umgesetzt. Dabei denke ich vor allem an private Hausbesitzer, für deren Häuser neue Effizienzklassen gelten. Es gibt dann Vorschriften und Verpflichtungen, dass energetisch nachgebessert werden muss, auch werden finanzielle Anreize geschaffen. Das kann man prinzipiell befürworten, doch die Umsetzung geht dann häufig zu Lasten der Qualität.

Inwiefern geht das zu Lasten der Qualität?

Laura: Nun ja, jeder Hausbesitzer schaut dann im Internet, welche Dämmmaterialien angeboten werden, meist entscheiden sich die Besitzer dann für eine, ich sage mal, 08/15-Dämmung, und dann werden noch ein paar Sonnenkollektoren aufs Dach gestellt. Das alles geschieht meist ohne eine differenzierte Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Nachhaltigkeit der gewählten Produkte und oft auch ohne professionelle Planung. Das ist aus architektonischer Sicht durchaus eine Gefahr, da schwindet beispielsweise eindeutig die Qualität im Bestand.

Bei Neubauten dagegen wird sicher mehr Wert auf die Kombination aus Qualität und Nachhaltigkeit gelegt?

Laura: Bei Neubauten ist es so, dass durch die geforderten Energieeffizienzen natürlich auch die Kosten in die Höhe getrieben werden können – oftmals durch eine aufwendige technische Gebäudeausstattung. Dadurch bleibt weniger Budget übrig für vieles andere, für Materialien oder für gewisse Raffinesse, was die Raumstruktur angeht. Das heißt nicht, dass gute Architektur immer teuer sein muss, aber wenn kein Geld mehr übrigbleibt, weil alles in Dämmung oder in der Gebäudetechnik verschwindet, die regulativ in die Steuerung von Heizung, Kühlung und Lüftung eingreift, ist das aus meiner Sicht schon ein Problem.

Veit: Es kann aber wirklich auch gute Architektur entstehen, wenn man eine Bauherrschaft und Architektenschaft mit dem gemeinsamen Ziel hat, nachhaltig und intelligent zu bauen. Ich empfehle da immer einen Blick in die Architekturgeschichte. In der traditionellen Baukunst hatte man keine Solarkollektoren oder eine Klimaanlage, trotzdem hat man ortsspezifisch und klimagerecht gebaut. Gerade in sehr heißen oder auch kalten Gegenden gab und gibt es viele pragmatische, intelligente und sinnvolle Lösungen, den örtlichen Gegebenheiten entsprechend zu bauen. Das fängt mit der Ausrichtung der Gebäude an, geht über sinnvoll platzierte Transparentanteile, Dachformen und Dachüberstände bis hin zur Wandstärke sowie der Terratektur. Wenn man solche raffinierten und traditionellen architektonischen Lösungen nutzt, kann man fantastische Gebäude und Räume bauen.

Terratektur heißt, unter der Erde bauen?

Veit: Ja, genau. Im tunesischen Matmata gibt es beispielsweise das Hotel Sidi Driss, das unter der Erde gebaut wurde. Das ist natürlich ein sehr extremes Beispiel für ortsspezifische Bauweisen und sicher nicht die Lösung unserer Probleme, zeigt aber schön, dass mit einfachen Mitteln viel erreicht werden kann. Leider beschränkt das Baurecht noch immer viele gute Ideen. Sinnvolle Gebäudeausrichtungen und Abstände werden oft gar nicht erst zugelassen. Und natürlich beschränken sich auch viele Bauvorhaben selbst. Wenn ein Entwickler einen rein kommerziellen Anspruch hat, steht natürlich die Maximierung der Fläche bei minimiertem Baupreis im Vordergrund. Das heißt in der Konsequenz: Es gibt eine dünne Wand mit einer möglichst schlanken Wärmedämmung. Das Ziel, mit massiven Wänden möglichst viel Speicherfähigkeit und ein gutes Raumklima zu schaffen, konkurriert mit der Absicht, möglichst viel Fläche zu generieren. Von den Sanierungskosten, die auf den späteren Käufer der Immobile zukommen, wollen wir erst gar nicht sprechen. Denn das sieht der Laie im Moment der Transaktion nicht auf sich zukommen.

Veit und Laura

Aber ist es nicht so, dass man heute angesichts des Klimawandels nachhaltig bauen muss, dass einem nichts anderes übrigbleibt?

Laura: Absolut, doch stellt sich eben die Frage, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um eine ökologische, eine wirtschaftliche und aber auch ästhetische Nachhaltigkeit beim Bauen zu erreichen. Aktuell läuft es über den Weg der Gesetze und Regeln, die vorschreiben, wie energieeffizient Gebäude sein müssen, sowie über öffentliche Fördermaßnahmen. Wenn es jetzt beispielsweise eine Verordnung geben wird, dass auf jedem Dach Deutschlands künftig Solarkollektoren angebracht werden müssen, ginge natürlich ein Aufschrei los, dass unsere Städte und Dörfer verschandelt würden. Denn die sehen ja tatsächlich nicht schön aus. Ein Problem ist aber eben auch, dass es momentan auf dem Markt nahezu keine innovativen und optisch interessanten Produkte gibt, die Planende für die Umsetzung dieser neuen Regel verwenden könnten. Wenn man aber keine Regeln aufstellen würde, gäbe es auch für die Baubranche keinen Anlass, neue Produkte zu entwickeln – und für Architekten keinen Anlass, sich über alternative Solarkollektoren Gedanken zu machen. Wir wollen zwar alle nicht fremdbestimmt sein, aber letztlich geschieht ohne Gesetze eben nichts.

Tesla-Chef Elon Musk hat doch mal vorgeführt, wie neuartige Dachziegel als Solaranlagen funktionieren können. Gibt es mehr solcher Ideen? 

Laura: Wenn der Druck groß wird, wenn der Gesetzgeber den Druck erhöht, wird es auch Produkte geben, die sich dann gestalterisch besser vereinbaren lassen. Zurzeit sind solche Lösungen noch sehr teuer und vor allem nicht erschwinglich für private Häuslebauer, denen es nicht in erster Linie um architektonische Raffinesse geht.

Veit: Ich bin mir sicher, dass man klimagerechte Lösungen optisch so gestalten kann, dass es exzellent aussieht und nachhaltig ist. Ich stelle mir vielmehr die Frage, was wir genau unter Nachhaltigkeit verstehen. Es werden ja heute immer noch eine Vielzahl an Dämmmaterialen verwendet, die nicht recycelbar sind. Wie nachhaltig ist es, wenn ich nach 15 oder 20 Jahren eine Fassade saniere und das verwendete Dämmmaterial und der verwendete Putz Sondermüll sind, weil chemische Zuschlagstoffe verwendet werden müssen, um auf die Eigenschaften des Dämmmaterials zu reagieren? Das ist systemimmanent unökologisch.

Sprechen wir von Unternehmen, da gehört es doch inzwischen zum guten Ton, neue Bürogebäude oder auch Produktionsstätten energieeffizient und nachhaltig zu bauen, das ist heute schon Teil des Employer Brandings.

Laura: Sicher gibt es da eine Offenheit für das Thema. Es ist eben nur immer noch schwierig zu beurteilen, was nachhaltiges Bauen tatsächlich ist. Also man kann damit anfangen, wie lang eigentlich der Zyklus eines Gebäudes ist. Wenn ich für ein Gebäude energieeffiziente, teure Bio-Dämmung verwende, aber das Haus nach einigen Jahren wieder abreiße, ist das nicht sonderlich nachhaltig. Müssen wir daher Gebäude wieder so planen, dass sie 200 Jahre halten? Oder wie sieht die Bilanz aus, wenn ich ein neues nachhaltiges Gebäude errichtet habe, dafür aber ein altes abgerissen habe, was man auch hätte sanieren können? All das müsste in eine Nachhaltigkeitsbilanz eingerechnet werden. Deshalb muss es im öffentlichen Diskurs noch viel intensiver um die Frage gehen, was beim Bauen wirklich nachhaltig ist.

Welche Chance seht ihr im nachhaltigen Bauen?

Laura: Ich glaube, es ist wichtig, zu definieren, was die Hebel nachhaltigen Bauens sein werden. Neben Energieeffizienzklassen sollten meines Erachtens auch andere Fragestellungen einbezogen werden: Für welchen Zeitraum ist ein Gebäude ausgelegt? Welche Nutzungskonzepte können sich in der Zukunft noch ergeben? Ist es möglich, das Gebäude nach einigen Jahren wieder umzubauen? Oder gibt es, gerade bei Bürobauten, weitere Nutzungsmöglichkeiten, um eine Auslastung zu erhöhen, dass also nicht nur von 9 bis 18 Uhr etwas darin passiert, sondern auch danach? Das finde ich spannend, auch in solchen Dimensionen zu denken.

Veit: Die große Chance sehe ich darin, wenn wir uns für einen intrinsisch motivierten Ansatz entscheiden, wirklich nachhaltig zu bauen. Wenn das Baurecht es zulässt, sind dann Tür und Tor offen für mehr interessante und auch experimentelle Architektur, für neue Produktlösungen und einen Rückgewinn architektonischer Qualität. Eine Chance ist sicher auch, ein Bewusstsein für unser Tun und Handeln, für unseren Umgang mit Ressourcen zu schaffen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir noch bedachter heizten und lüfteten oder sparsamer mit unseren Stromabnehmern umgingen. Es darf aber eben nicht durch Verbote reglementiert werden, vielmehr sollten durch Subventionen attraktive Ansätze gefördert werden, dann wird es neue Produkte, neue Ideen, neue Lösungen geben für ein spannendes, neues, nachhaltiges Bauen.

Liebe Laura, lieber Veit, vielen Dank für das Gespräch!

Titelbild: LoboStudio Hamburg, Unsplash