Ein Gespräch zwischen Dr. Laura Kienbaum und Veit Knickenberg, 
aufgezeichnet von Markus Albers

Wenn wir von den Bürowelten der Zukunft sprechen, geht es immer häufiger um Identität. Warum hat das Thema auch bei euch eine hohe Relevanz?

Veit: Nun, einer der größten Treiber von Gestaltung in Unternehmen ist, künftige Bewerber:innen zu begeistern. Aber tatsächlich geht es nicht nur darum, im War for Talents attraktiv und neu zu sein, sondern auch immer darum, wie man seine Mitarbeiter:innen halten kann.

Vor allem, wenn man bedenkt, wie viel Geld man spart, wenn man es schafft, die Menschen zu halten.

Veit: Genau, deshalb müssen wir im Hinblick auf Gestaltung immer über Identität sprechen.

Laura: Das ist in der Tat ein hochspannendes Thema, leider wird der Begriff fast schon als Buzzword verwendet, das für ganz vieles stehen kann. Aber wenn wir bei unserer Beratung und Gestaltung von Identität sprechen, geht es in erster Linie darum, Orte für eine bestimmte Gruppe zu schaffen, Orte, zu denen Menschen eine Beziehung aufbauen können, zu denen sie sich zugehörig, ja, zu Hause fühlen. Auch sollten die Werte des Kunden durch diesen Raum erlebbar und spürbar sein.

Welche Rolle spielen Räume, gerade bei einer Bewerbung, wie hinterlassen sie einen nachhaltigen Eindruck bei künftigen Talenten?

Laura: Räume übernehmen eine spezielle Rolle, denn sie sind physisch erlebbar. Es ist eben nicht nur eine visuelle Wahrnehmung, der Text, den ich lese, oder die Bildsprache auf der Homepage, die ich durchstöbere. Auch ist es nicht nur das Logo, das ich im Raum sehe, oder die charakteristische CI-Farbe eines Kunden an der Wand, sondern ein ganzheitlich sinnliches Erlebnis, das der Raum mit sich bringt.

Was nicht ganz unwichtig ist, weil man sich ja ausmalt, in dieser Umgebung zu arbeiten.

Laura: Ja, deshalb ist es so wichtig, dass sich die Werte des Unternehmens in den Räumen widerspiegeln. Denn Werte sind ja nicht nur Markenwerte. Vielmehr geht es um Arbeitskultur und darum, wie Menschen im Unternehmen miteinander umgehen. Und da prägt der Raum sehr stark die Verhaltensweisen, deshalb gilt es bei der Gestaltung, diese Werte immer umzusetzen.

Aber es gab doch schon immer erfolgreiche Unternehmen, die großartige Produkte hatten, auch ein tolles Marketing, aber ihre Büros sahen kläglich aus. Ist es wirklich so entscheidend, wie die Büros aussehen?

Laura: Nun, im Zuge von New Work hat sich auch das Arbeiten sehr verändert, Themen wie Inspiration und Kreativität sind heute entscheidende Faktoren für den ökonomischen Erfolg. Die reine Funktionalität reicht da längst nicht mehr aus, da braucht es eine sinnliche, emotionale Atmosphäre, um das Arbeiten entsprechend verändern zu können.

Veit: Wenn wir die alte Bürowelt anschauen, war diese geprägt von Einzelbüros. Und die hatten sich die Mitarbeiter:innen unterschiedlich gestaltet, die einen haben das Unternehmen, die Produkte sichtbar gemacht, die anderen habe private Bilder an die Wand gehängt. Aber wenn du nun die Einzelraumstrukturen aufbrichst, um eine neue, kreative und kommunikative Atmosphäre zu schaffen, musst du darauf achten, sowohl die Marke als auch die Identifikation erkennen zu lassen. Da merken inzwischen viele Unternehmen, dass sie da viel mehr machen müssen.

Laura: Zumal Arbeiten heute weit mehr mit Purpose verbunden wird. Immer mehr Menschen entscheiden sich gegen klassische Karrierewege. Sie fragen sich nicht mehr unbedingt, wie kann ich mehr Macht, mehr Geld, mehr Status erlangen. Sie fragen vielmehr: Wie und woran möchte ich arbeiten, wie und wo möchte ich mit anderen zusammenarbeiten, daran muss sich Gestaltung orientieren.

Veit und Laura

Gestaltung richtet sich aber auch an Kunden und Geschäftspartner, die in den Räumen die Marke wiederfinden sollen.

Veit: Ja, und auch deshalb reicht es nicht, alte Büros einfach mit der Unternehmensfarbe anzumalen und zu hoffen, dass so die Kultur sichtbar wird. Ich war mal zu Gast bei einem großen Limonadenhersteller, das war der komplette Overload, überall stand der Name, überall knallte das Logo, die Farben des Unternehmens wurden extrem in den Vordergrund gerückt, man ist regelrecht überschüttet worden, es gab zudem nur künstliches Licht. Das Gebäude war außerdem sehr kleinteilig und unübersichtlich. Mir kam es so vor, dass das, wofür das Unternehmen steht, für Frische, für Lebensfreude, dass gerade das nicht nach außen kommuniziert wurde, eher das Gegenteil war der Fall. Gestaltung kann auch sehr erschlagend sein.

Wenn man eben nur auf Farbe und Logo setzt.

Laura: Farbe und Logo machen tatsächlich nur einen Bruchteil aus. Es gibt ja so viel mehr Ebenen und Oberflächen, mit denen man in Räumen arbeiten kann. Es geht um Transparenz, um die Entscheidung geschlossene Räume oder offene Räume und auch um die Akustik, dabei zum Beispiel um Teppich oder nicht Teppich, denn nicht immer muss in einer Arbeitsumgebung alles akustisch gedämpft sein, es kann auch ruhig mal dynamisch sein. Und natürlich geht es immer um das umfassende Thema Licht, wie fällt das Licht ein, wie setze ich künstliches Licht? Es gibt also zahlreiche Dimensionen, mit denen man arbeiten kann.

In Ladengeschäften und in Hotels sind diese Dimensionen schon länger üblich, in der Bürowelt kommt das erst langsam, befruchten sich die Bereiche gegenseitig?

Veit: Ja, total. Wir sagen immer, dass wir in unsere Entwürfe das Beste aus drei Welten einfließen lassen. Also die Funktionalität der am Prozess orientierten Bürowelt, dann den Markentransport, den man in einem Ladengeschäft oft auf kleinster Fläche hat. Und dann noch das, ich nenne es mal Welcoming, also das Signal an den Kunden: Wir heißen dich willkommen! Wenn es gelingt, diese drei Themen zu koppeln, hat man für eine Bürowelt der Zukunft im Grunde alles abgedeckt.

Laura: Das Beste aus drei Welten heißt für uns aber auch: nur das Beste – und dies mit Bedacht!

Was wäre das Beste?

Laura: Ein Beispiel: In einem Laden ist man ja nur für einen relativ kurzen Moment, man hält sich hier nicht tagelang auf, deshalb muss man im Hinblick auf den Grad des Aufladens mit Atmosphäre in einem Büro vorsichtiger sein.

Veit: In jedem Fall wird die Gestaltung von Büros post-pandemisch befeuert werden. Wir fragen uns ja derzeit alle: Was kommt als Nächstes? Corona hat gezeigt, dass wir nicht mehr zwingend im Büro arbeiten müssen. Dem Büro wird eine neue Aufgabe zukommen, Büroflächen werden vielleicht kleiner werden, dabei aber kommunikativer, so in Richtung Lagerfeuer. Vor allem werden Büros, auch wegen der Frage nach Identität, viel stärker kulturell aufgeladen sein, sie werden so etwas wie der kulturelle Melting Pot eines Unternehmens sein, der Marken-Melting-Pot des Unternehmens.

Dieser Melting Pot sieht dann aus wie ein teurer Flagshipstore oder ein schickes Hotel?

Veit: Es muss nicht teuer sein, es geht darum, bewusst und schlau die richtigen Elemente einzusetzen. Ein Schmuckhändler wird in seinem Büro nicht überall Schmuck platzieren. Die Dinge sollten gezielt platziert werden, wo es einen Sinn ergibt.

Apropos Dinge platzieren: Was bleibt von der Individualität der Mitarbeiter:innen, gibt es künftig noch Platz für die privaten Fotos?

Veit: Bei der Frage verweise ich immer gerne auf amerikanische Schulen.

Amerikanische Schulen?

Veit: In Amerika haben ja alle Schüler:innen einen Spind in der Schule. Der Spind ist proppenvoll mit Privatzeug, da kleben die Fotos, von der ersten Freundin, vom Hund, von den Eltern, da liegen Glücksbringer und Klamotten. Da sagt keiner, ich will aber auf meinem Schultisch meine Fotos haben oder meine eigene Tischdecke. Da gibt es eine klare Trennung: Der Spind ist der private Raum. Im Unterricht geht es dafür um den Austausch, um das Miteinander, mal setze ich mich neben den einen, mal neben die andere. Das führt zu sehr viel Interaktion – und vor allem zu einer großen Identifikation mit seiner Schulklasse, und das übrigens ein Leben lang. Man geht selbst 30 Jahre später immer noch selbstverständlich zu Klassentreffen, weil man sich so mit der Gruppe identifiziert.

Womit wir wieder bei der Identität wären.

Veit: Genau, Identität entsteht häufig über Interaktion. Und Räume sollten Interaktion ermöglichen …

… und sie sollten zur Marke passen. Wie macht ihr das, wie findet ihr heraus, was am besten zu Marke und Unternehmen passt?

Laura: Vor jede Entwurfsphase setzen wir eine analytische Phase. Wir stehen dann im intensiven Austausch mit dem Unternehmen. Wir fragen: Was macht euch aus? Wie arbeitet ihr? Was sind eure Werte? Wir kennen bis dahin die Unternehmen ja meist auch nur in Ausschnitten und von der Webseite. Es ist aber entscheidend, etwas über die Menschen zu erfahren, idealerweise über unterschiedliche hierarchische Stufen hinweg. Management und Mitarbeiter:innen können darüber hinaus immer bei der Gestaltung von Räumen mit einbezogen werden. Sie sollen da später ja arbeiten. Workshops und Mitarbeiterbefragungen sind ein ganz, ganz wichtiger Baustein für unserer Arbeit – und letztendlich bilden sie auch das Fundament für Identifikation und Identität.

Liebe Laura, lieber Veit, vielen Dank für das Gespräch!