Mobiles Arbeiten wird die Zukunft sein. Darüber besteht mittlerweile kein Zweifel mehr. Was das mit unseren Büros macht, darüber wird aktuell viel diskutiert. Szenarien werden aufgestellt, Flächenanforderungen neu berechnet, die Funktionen des Büros überdacht und angepasst. Manchmal beschleicht einen jedoch das Gefühl, es geht vor allem um Zahlen, Daten, Fakten. Aber sollte nicht eigentlich der Mensch im Mittelpunkt der Überlegungen stehen? Schließlich ist das Büro, mobiles Arbeiten hin oder her, für die meisten der Ort, an dem die meiste Zeit verbracht wird.

In einem Gastbeitrag von Jan Teunen, Cultural Capital Producer, steht deshalb der Mensch im Mittelpunkt als Gegenthese zur wirtschaftlichen Rationalität.

„Solange ich Erinnerung habe, bin ich eine Schatztruhe.“ (Joseph Brodsky)

Der Mensch, dieses Tier, das denken kann, verdient es, mit seiner Schöpferkraft in den Mittelpunkt gestellt zu werden, denn, so sagte es der italienische Philosoph der Renaissance, Giovanni Pico Della Mirandola, in seiner großartige Rede „Über die Würde des Menschen“, er sei der Bote und Vermittler zwischen den Geschöpfen, der Freund der Götter, der Dolmetscher der Natur, der Ruhepunkt zwischen der bleibenden Ewigkeit und der fließenden Zeit. Er sei das Band, das die Welt zusammenhält.

Leonardo da Vinci hat diesen Gedanken mit seiner berühmten Zeichnung des vitruvianischen Menschen grandios bildlich dargestellt. In diesem Werk verbindet er Gedankengut der Antike mit Kreativität der Renaissance und führt uns damit vor Augen, dass es das Neue nicht gibt. Was es gibt, sind neue Kombinationen und auf die kommt es an, auch für diejenigen, die sich heute mit der Transformation des Arbeitsraumes Büro beschäftigen.

Diese Transformation ist notwendig, denn in den meisten Büros steht das falsch verstandene Ökonomische im Mittelpunkt und nicht der Mensch. Das ist verkehrt, denn das Büro ist für den Menschen da und nicht umgekehrt. Das Büro wurde explizit erfunden, um das Kostbare zu beschützen. Das Kostbare im Büro ist eben der Mensch. Das ist irgendwie im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten.

Jan Teunen

Bild: Hans Schlegel

Leider geht es vielen Menschen in ihren Büros nicht gut und das liegt unter anderem daran, dass ihre Arbeitsräume dort von der wirtschaftlichen Rationalität dominiert werden. In solchen Räumen werden Menschen neurotisch, weil ihnen die kulturelle Umgebung nicht antwortet. Zu viele Büros sind zu Räumen des Leidens und der Agonie mutiert. Psychische Erkrankungen, Depressionen, Burnout, Angstzustände, Wut und Antriebslosigkeit sind die Folge.

In durchschnittlichen Büroräumen der modernen Arbeitswelt haben die Motivation und die Kreativität es schwer. Das ist nicht gut. Es schadet langfristig nicht nur den Menschen, die sich in den seelenlosen Räumen täglich plagen, es ist auch ökonomisch kontraproduktiv für die Unternehmen im Besonderen und für die Volkswirtschaft im Allgemeinen.

Deswegen tut Transformation Not und auch, weil das Geschenk der Digitalisierung dazu führt, dass nahezu alle Routinearbeiten, die in Büros anfallen, zunehmend von intelligenten Maschinen erledigt werden. Was für Menschen im Büro an Arbeit bleibt, ist die gewollte C0-Kreation. Sie gelingt am besten in einem Umfeld, das nicht bloß funktional ist, sondern auch eine Qualität hat, die eine poetische Beziehung ermöglicht. Unter anderem geht das, indem die Büros mit Schönheit geflutet werden und so eine kulturelle Aufladung erfahren und zu Gewächshäusern für Kreativität werden.

Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Transformation von nüchternen Arbeitsräumen in Lebensräume für Potenzialentfaltung, ist vor allem ein langes Gedächtnis. Es muss die Erinnerung daran geweckt werden, was der Mensch ist und was er braucht, damit er sich selbst motivieren kann und mit dem, was er denkt, sagt und tut, sein eigenes Leben und das Leben anderer bereichern kann. Wer bei dieser Erinnerungsarbeit Glück hat, begegnet, wie es Leonardo da Vinci zu seiner Zeit passiert ist, dem römischen Architekten, Ingenieur und Architekturtheoretiker Vitruvius und seinen 10 Büchern über Architektur. Die Bücher sind das einzig erhaltene antike Werk über die Baukunst. Aus diesem Werk lässt sich für alle, die sich mit der Arbeitswelt von morgen beschäftigen, Honig saugen, denn es erinnert uns an Wesentliches.

  • Daran, dass es Lichtungen braucht, bevor gebaut und eingerichtet werden kann. Lichtungen sind Voraussetzung für das Bauen, das Einrichten und für den gezielten Fortschritt.
  • Daran, dass die Inspiration für die Planer und Erbauer des ersten Hauses die kosmische Ordnung war. Der griechische Kosmos, das lateinische Universum und das mittelhochdeutsche All sind alles Bezeichnungen für eine schöne, geordnete, tugendhafte Welt. Eine solche Welt ist im Idealfall auch die Büroarbeitswelt.
  • Daran, dass Ethik die erste Bezeichnung für Haus war und für ein Regelwerk für das in Ordnung halten des Hauses.
  • Daran, dass das Regelwerk nicht dazu diente, eine zwangsneurotische Ordnung herbeizuführen, sondern damit die Gemeinschaft im Haus sozial gelang.

Wer in der Erinnerung in die Antike zurückgeht, wird dort auch den Anfängen der Ökonomie begegnen. Sie entstand damals, so lässt es sich in Oskar Negt’s Buch „Arbeit und menschliche Würde“ nachlesen, als ganzheitliche Managementwissenschaft, als Wissenschaft von der ethisch verantwortlichen Menschenführung in einem Haus. Ein Haus, das von 5 Wirkungselemente geprägt wurde. Nämlich:

  • Wirtschaftlichkeit
  • Schutz
  • Zusammengehörigkeit
  • Kulturpflege
  • Identitätsstiftung

Diese Wirkungselemente sind in vielen Unternehmen durch die bereits genannte Dominanz der wirtschaftlichen Rationalität in Teilen erodiert und das produziert Reibungsverluste, die einen erheblichen Teil der Personalkosten wirkungslos verpuffen lassen. Einige Beispiele:

Wirtschaftlichkeit

Laut Gallup Engagement Index von 2019 haben fast 6 Mio. Werktätige in Deutschland (16%) ihren Job innerlich gekündigt und es haben nur 15% der Arbeitnehmer/innen eine hohe emotionale Bindung an ihre Company. Das ist auch – und zwar in erheblichem Maße – die Folge einer Arbeitsumgebung, die den Menschen nicht gut stimmt. Wirtschaftlich ist das nicht.

Schutz

60% aller Arbeitnehmer/innen sitzt mit berufsbezogenen Ängsten an ihrem Arbeitsplatz. Dort muss am Thema Schutz gearbeitet werden, damit Menschen in ihrer Arbeitswelt ein Mehr an Geborgenheit erfahren. Geborgenheit ist übrigens die Hauptkomponente für das, was alle Menschen möchten – glücklich sein – wenigstens gelegentlich.

Zusammengehörigkeit

In vielen Organisationen herrscht immer noch die sogenannte Gruppenmentalität vor. Ständig wird dort der Zeigefinger ausgestreckt, um andere zu tadeln und um Schuld zuzuweisen, wenn Prozesse suboptimal ablaufen. Zusammengehörigkeit sieht anders aus. Die entsteht dort, wo Menschen prozessorientiert, co-kreativ im Team arbeiten und ein gemeinsames Anliegen haben.

viktruvianischer Mensch

Der vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci.

Bild: Pixabay

Kulturpflege

In einer Vielzahl von Unternehmen gibt es ein Ungleichgewicht zwischen der wirtschaftlichen Verantwortung und der ethischen Verantwortung. Ein Gleichgewicht beider Verantwortungen ist jedoch eine der Voraussetzungen für eine konstruktive Unternehmenskultur.

Identitätsstiftung

Was Identität ist, sagt uns die Rose bzw. der berühmte Satz von Gertrude Stein: „A rose is a rose is a rose“. Viele Unternehmen sind im inneren eine Rose. Sie erscheinen am Markt wie eine Tulpe und sie duften nach Maiglöckchen. Solche Unternehmen tun gut daran, an einer Einheit von Gedanke, Wort, Tat und Ding zu arbeiten, damit die Anspruchsgruppen die informierter fordernder und kritischer sind als noch vor wenigen Jahren die Werte und die Haltung von Unternehmen problemlos prüfen können.

Arbeitgeber, die Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen möchten, wissen, dass sie die oben genannten Wirkungselemente – dort wo nötig – restaurieren müssen und dass sie bei dieser Restaurierungsarbeit viel aus der Geschichte lernen können.

Ja, die Zukunft – zumindest teilweise – liegt in der Vergangenheit. Das wussten auch die Menschen in der Renaissance, die deswegen eine große Sehnsucht nach den Werten und den Formen der Antike hatten. Sie waren es auch, die eine interessante Methode entwickelten, an die sich alle, die an der Transformation der Arbeitswelt arbeiten, erinnern sollten.

Sie bündelten drei Kräfte und richteten sie aus, damit sie wirksamer wurden:

Humanismus, Kapitalismus und Ästhetik: Die Zeit ist reif, diese Methode noch einmal anzuwenden, denn sie ist zukunftsträchtig.

Seit der Renaissance ist die Welt eine sehr komplexe geworden. Um mit dieser Komplexität zurechtzukommen, haben wir Menschen angefangen zu fragmentieren, vermeintlich, damit wir die Übersicht behalten. Tatsächlich wurde dadurch das Einfache durch das Vielfache ausgetauscht und nun finden wir kein Ende mehr, weil uns die Anfänge abhandengekommen sind.

So konnte es passieren, dass der Mensch aus dem Mittelpunkt verschwand. Damit das wieder anders wird, wäre eine humanistische Bildung der Führungskräfte von Vorteil.

Humanistische Bildung hilft nämlich dabei, Zusammenhänge zu erkennen und sie führt dazu, dass der Mensch automatisch wieder in den Mittelpunkt gerückt wird. Verantwortliche Entscheider erinnern sich an diesen Wirkzusammenhang und entwickeln in sich einen gleichgewichtigen Dreiklang aus Sozialität, Emotionalität und Rationalität. Dadurch werden sie weise Führungskräfte.

„Weisheit bedeutet“, so sagt es Rupert Lay in seinem Buch „Weisheit für Unweise“, „etwas von dem Bauplan zu erahnen, der uns Menschen Lebenssinn gibt, der unsere Beziehungen im Zusammen und Auseinander steuert und lenkt, der uns zu dem werden lässt, zu dem wir geworden sind. Weisheit liegt jenseits aller Rationalität, ohne aber sich in den Untiefen der Emotionalität zu verlieren.“

Weise Menschen begegnen anderen Menschen zunächst als Mensch, als Subjekt und nicht als Objekt. Als Mensch mit Wünschen, Bedürfnissen, Träumen, Ängsten und Sehnsüchten, wie die Sehnsucht nach Verbundenheit und mit der Sehnsucht nach dem Wachsen hin zur Freiheit, das ist die Sehnsucht nach Potenzialentfaltung.

Sie wissen, dass Menschen mehrdimensionale Wesen sind und dass sich ihr Leben in den Dimensionen Leib, Ich, Seele und Geist entfaltet. Im Büro braucht der Leib eine stimmige physische Ergonomie, das Ich Freiheit und Geborgenheit, die Seele Schönheit und der Geist Sinn.

Verantwortliche Entscheider sind sich zunehmend darüber bewusst, dass alle 4 Dimensionen des Menschen adressiert werden müssen und dass dabei Qualität im Umfeld und Qualität im Umgang unumgänglich sind.

Diesbezüglich ist das Meiste noch nicht getan. Wunderbare Zukunft!