Ein Gespräch zwischen Dr. Laura Kienbaum und Veit Knickenberg, Geschäftsführung combine,

Aufgezeichnet von Markus Albers

Mit dem Abklingen von Corona heißt es auch, Abschied zu nehmen vom Home Office! Es war allerdings zu lesen, dass Menschen Angst haben, wieder ins Büro zu gehen, manche fürchten sich offenbar vor dem Schritt. Welchen Beitrag kann die Gestaltung leisten, um Menschen wieder zurück ins Büro zu locken? Und wie kann das viel diskutierte „Wellbeing“ in postpandemischen Zeiten erreicht werden?

Veit: Dass Menschen Angst haben, in ihr Büro zurückzukehren, weil es ihnen dort nicht gefällt, bezweifle ich. Vielmehr ist es die medizinische Komponente, unsere Intimzone ist in der Pandemie größer geworden, wir sind es nicht mehr gewohnt, mit mehreren Personen in einem Raum zu sein. Ich glaube eher, die Menschen sind mehrheitlich froh, endlich wieder in ein Büro zu gehen, wo sie besser kommunizieren und sich wieder austauschen können. Was sich sicher verändert hat, ist das Bewusstsein für Hygiene und Wohlbefinden, vor allem für Belüftung und Oberflächen und Abstände.

Laura: Man sollte aber nicht vergessen, dass es Büroflächen gibt mit dunklen Einzelbüros, mit grauen, langen Fluren, und dass die Menschen nicht unbedingt in solche Umgebungen zurückwollen, dass attraktiv gestaltete Büroflächen durchaus einen Anreiz schaffen und Menschen Ängste nehmen.

Veit: Aber das ist wohl keine Angst, da fehlt es einfach an der Lust, in die, ich sage mal, „Einzelhaft“ zurückzukehren.

Veit und Laura

Tatsache ist doch, dass es Büroumgebungen gibt, in denen man sich nicht wohlfühlen kann. Auf der anderen Seite lässt sich „Wellbeing“, also das Wohlbefinden, oft auch nicht einfach mit ergonomischen Möbeln und loungigen Räume erreichen, oder?

Veit: Ja – und Wellbeing ist so viel mehr als nur die technische Komponente und die Ergometrie. Es geht doch um das Wohlbefinden auf unterschiedlichen Ebenen; physisch, sozial, ökonomisch und übergeordnet der Lebenszufriedenheit. Man kann ein Gebäude nicht einfach nach Wellbeing-Standards mit Wellbeing-Zertifikat ausstatten, und die Mitarbeiter:innen sind dann per se glücklich. Für ein funktionierendes Wellbeing muss die Identität des Unternehmens verstanden und spürbar übersetzt sein, muss die Gestaltung zu den Menschen und zur Unternehmenskultur passen. Und selbst dann müssen uns noch immer die Aktivitäten und Arbeit erfüllen.

Dennoch scheint das Thema Wellbeing inzwischen ein zentrales Thema – warum erkennen immer mehr Arbeitgeber ihre Verantwortung für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter:innen auch im Hinblick auf die Raumgestaltung?

Laura: Früher ging das Wellbeing eher so in Richtung Gesundheitsvorsorge, es war weniger emotional aufgeladen, es ging um Ergonomie bei den Möbeln, um Bewegung, um Temperatur in den Büroräumen. Innenräume sollten so optimiert werden, dass den Mitarbeiter:innen ein gesunder Arbeitsplatz zur Verfügung steht, der Stress abbauen und die körperliche und geistige Gesundheit verbessern kann. Heute hat Wellbeing auch mit Fragen zu tun wie: Wie fühlen wir uns als Team? Wie gelingt der soziale Austausch?

Und was muss dafür getan werden, wie gelingt das Wohlbefinden im Büro, gibt es da eine perfekte Lösung?

Veit: Die am weitesten verbreitete Lösung sehen wir durch Technologie. Auf räumlicher Ebene kann man mit präzisen Auswertungen, mit Zahlen und Messdaten beispielsweise die Akustik optimal aussteuern, sodass es keinen Nachhalleffekt gibt, oder auch die Luftzufuhr in Räumen künstlich „ideal“ steuern. Es gibt zahlreiche Unternehmen, die so vorgehen. Aber diese Lösungen wirken auf mich immer sehr künstlich, sehr unpersönlich. Mir fehlt das Menschliche, es fehlen die Ecken, die Kanten. Für mich ist ein räumliches Umfeld in erster Linie analog, bei dem ich Dinge anfassen kann, das Fenster öffnen kann, durchlüften kann, einen Lichtschalter drücken kann. Was ist falsch an einem mechanischen Lichtschalter?

Eine Software, die sich an Parametern wie Luft, Wärme, Schall orientiert, könnte demnach den Raum mit Blick auf Wellbeing nicht optimieren?

Veit: Diese technischen Lösungen haben das Problem, dass man Menschen gewisse Dinge abnimmt, eben die Temperaturregelung. Aber, wenn Fenster nicht mehr zu öffnen sind, wenn die Akustik kalkuliert und ausgesteuert wurde, heißt das immer auch: Ich gebe Verantwortung ab, die Verantwortung, einen Raum so zu gestalten, dass es für mein Team und mich passend ist.

Laura: Ohnehin ist es schwierig, es für alle passend zu machen. Manchen ist es zu kalt, manchen zu warm. Hinzu kommt, dass es immer auch darauf ankommt, was für Typen da arbeiten – in einer hippen Werbeagentur werden andere Anforderungen an Räume gestellt gerade im Hinblick auf Belebtheit und Agilität als jetzt beispielsweise in einer Anwaltskanzlei. Und um ein Gefühl von Belebtheit zu erzeugen, würde man sowohl an den technischen Stellschrauben wie Licht, Luft, Akustik drehen als auch die emotionaleren Hebel wie Farben, Formen und Oberflächen bewusst nutzen.

Beim Büro als Wohlfühlort geht es ja immer mehr auch um ein psychologisches Wohlbefinden. Muss dieses „psychological wellbeing“ in Räumen abgebildet werden?

Laura: Ja, absolut! „Psychological wellbeing“ wird ja häufig mit weichen Faktoren verbunden wie sinnstiftendem Arbeiten, Flexibilität, Work-Life-Balance – und auch dabei kommt natürlich der Raum ins Spiel. Wir müssen uns dann fragen, wie eine bestimmte Unternehmenskultur auch räumlich erlebbar werden kann. Und zwar über alle Sinne.

Veit: Man muss immer abwägen, wie viel Qualität gebe ich ab, wie viel Qualität gewinne ich. Wenn man als Organisation sagt, wir brauchen mehr Kommunikation, mehr Interaktion, und in der Folge werden Wände eingerissen und Türen entfernt, dann bringt das einen Mehrwert. Man kann plötzlich miteinander interagieren, man lernt sich besser kennen, man lernt Kolleg:innen kennen, die man vorher nicht getroffen hätte, und erfährt Inhalte, die einen sonst nicht erreicht hätten. Und das zahlt in jedem Fall auf das Wellbeing ein. Aber: Nun lässt sich das Licht nicht mehr steuern, nicht das Fenster öffnen und im Open Space ist der Lärm größer? Das kann auch nicht die Lösung sein. Deshalb geht es nicht nur darum, alle Wände einzureißen, sondern darum, ein ganzheitliches Umfeld zu schaffen mit einer Vielfalt an Räumen, die dann auch den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen entsprechen und diese in die Pflicht nehmen, sich darin entsprechend zu verhalten. Verantwortung eben …

Laura: Auf bestimmte Verhaltensweisen kann man nur bedingt Einfluss nehmen. Wir wollen ja mit Raum die Menschen nicht manipulieren. Aber man kann ein Umfeld schaffen, das zu bestimmten Verhaltensweisen animiert, das Distanzen abbaut, das versucht, die Zugehörigkeit zu fördern.

Bei uns in der Agentur haben wir beispielsweise runde Tische in den Räumen eingeführt, keiner sitzt mehr am Kopfende in der vermeintlichen Chefposition, alle sind ein bisschen gleichberechtigt, und das hatte einen erstaunlichen Effekt auf die Diskussionskultur in Meetings.

Laura: Das sind genau solche Lösungen. Die Herausforderung beim Wellbeing ist immer: Wie schaffen wir einen Heimatort für Teams, für Mitarbeiter:innen, der ihnen auch wirklich entspricht? Heute haben ja viele die Bilder im Kopf, die von den Co-Working-Spaces oder der Start-up-Szene geprägt sind, die Loungeecken, die Couch-Situationen, natürlich Holz und Pflanzen. Das Problem ist, dass die alle gleich aussehen, und das ist dann eben auch keine Heimat mehr, sondern austauschbar und anonym. Deshalb sollten Unternehmen den Mut haben, wegzugehen von Ideen, die man schon dutzendfach gesehen hat. Man sollte auch bei der Gestaltung der Räume ein Alleinstellungsmerkmal anstreben, das sich an der Unternehmenskultur orientiert.

Veit: Und dazu muss man sich seiner Wurzeln besinnen. Fragen, wer wir sind, wofür wir stehen und wie wir wahrgenommen werden wollen. Das Büro eines Tech-Unternehmens kann durchaus Klischees folgen, hell, gradlinig, technisch wirken, oder das genaue Gegenteil ausstrahlen wie Wärme, Natürlichkeit, unperfekt sein. Vielleicht ist es gerade dort angebracht, anders und unerwartet zu sein. Das gilt es herauszufinden.

Laura: Ja, es geht darum, charakteristische Orte zu schaffen, die zur Organisation passen. Und die auch einen hohen Wiedererkennungswert haben, das wird zunehmend wichtiger.

Liebe Laura, lieber Veit, vielen Dank für das Gespräch!

Titelbild: Laura Thiesbrummel