Die Art und Weise, wie wir arbeiten und physische Orte nutzen, um technologiegestützt zusammenzuarbeiten, hat sich im letzten Jahr grundlegend verändert. Während bis dato die Haltung der Unternehmen Home Office betreffend überwiegend ablehnend war – die meisten erlaubten es gar nicht oder nur in Ausnahmefällen – und vielen die technische Infrastruktur dafür fehlte, wird nun gejubelt, dass das Arbeiten von zu Hause doch eine tolle Sache sei.

Während die epidemiologische Lage weiter angespannt bleibt, scheint eine Rückkehr zur gewohnten Routine im Präsenzbüro inzwischen schon fast utopische Züge angenommen zu haben: Endlich wieder spontane Gespräche in der Kaffeeküche mit den Kollegen, endlich weniger Zoom-Calls – danach dürften sich viele Arbeitnehmer sehnen. Aber wird es jemals wieder so sein?

In der öffentlichen Debatte kristallisieren sich zwei Fronten heraus. Dabei verläuft der Bruch oft quer durch Arbeitnehmer- und Arbeitgebergruppen, Gegner und Befürworter eines „Back to Normal“ finden sich auf beiden Seiten. Ein Pro und Contra für die Rückkehr ins traditionelle Büro.

Pro: Arbeitnehmer sehnen sich nach Normalität

Kein Zweifel: Der Wunsch, zum „prä-Corona“ Alltag zurückkehren zu können, ist mit jeder zusätzlichen Kontaktbeschränkungsmaßnahme beständig gewachsen. Doch wann kann mit einer branchenübergreifenden Normalisierung gerechnet werden? Regierungsvertreter wie Arbeitsminister Hubertus Heil wagen keine genaue Prognose, gehen aber von einem „Aufholprozess“ der Wirtschaft bis Ende des Jahres aus. Arbeitnehmer müssen sich also wohl noch etwas gedulden, Journalisten schreiben trotzdem schon von „Vorfreude auf die Rückkehr ins Büro“ und „Heimweh nach der Firma“ (mehr zum Büro als Heimat in unserem Artikel von Laura Kienbaum).

Viele Arbeitgeber, Berater und Designer setzten sich deshalb aktuell mit der Frage auseinander, wie sich eine Rückkehr zum klassischen Präsenzbüro unter Berücksichtigung gesundheitlicher Sicherheitsaspekte gestalten lässt. Antworten lassen sich teilweise auch schon in Büroprojekten finden, die kurz vor der Krise fertiggestellt wurden. Ein Beispiel ist das 2018 eingeweihte Münchner „Leuchtenbergring-Office“ des digitalen Markplatzbetreibers Scout24: Mit unserer Unterstützung wurde hier auf drei Stockwerken ein hochflexibles, offenes Raumkonzept umgesetzt, das neben 350 festen Arbeitsplätzen über 500 zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten anbietet – ganz dem modernen „activity-based-working“ Ansatz getreu. Die entstandenen Räume zeichnen sich durch ihre extreme Multifunktionalität aus, so dass auch eine Anpassung an die neuen Bedürfnisse für die Zeit nach Corona, in der all jene Aspekte im Fokus stehen werden, die unter der Umstellung auf Fernarbeit gelitten haben, problemlos möglich sein wird.

Bürofläche in München

Mit der Frage der zukunftsgerechten Büroplanung hat sich auch das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in der Metastudie „Raumpsychologie für eine neue Arbeitswelt“ auseinandergesetzt: Dabei wurde erforscht, welche räumliche Faktoren die Arbeitsproduktivität positiv beeinflussen. Förderung von Kommunikation, Unterstützung der individuellen Konzentrationsfähigkeit und kreativer Prozesse sowie die Erholung von der Arbeit wurden dabei als zentrale Ziele hervorgehoben. Wichtig für die post-pandemische Büroplanung: die Studie zeigt, dass arbeitsfreundliche Raumplanung ein Maß an Expertise und holistischem Denken verlangt, dass in den eigenen vier Wänden für die meisten Arbeitnehmer kaum zu gewährleisten sein dürfte.

Nicht nur der Bedarf nach Sozialität, die wachsende Pandemie-Müdigkeit und die besonderen Anforderungen moderner Arbeitsplätze sprechen für eine Rückkehr zum klassischen Büro: Viele Projekte zur Verbesserung der Arbeitnehmerbedingungen könnten Gefahr laufen, auf der Strecke zu bleiben, sollte sich Home Office als neuer Standard etablieren. Diese Befürchtung vertritt beispielsweise Adidas Chef Kasper Rorsted, dessen Unternehmen auf ein integriertes Campus-Konzept setzt und dem gemeinschaftlichen Arbeiten oberste Priorität einräumt. Auch DAX-Gigant Siemens deutete trotz Offenheit gegenüber hybriden Arbeitsmodellen darauf hin, dass Aspekte wie ergonomisches Arbeiten nicht auf der Strecke bleiben dürfen.

Contra: So wie früher kann es nie wieder sein

Besonders native Digitalunternehmen wie Twitter oder Facebook haben sich schon in den frühen Phasen der Pandemie für eine unumkehrbare Priorisierung von Homeoffice gegenüber dem Präsenzbüro ausgesprochen. Überhaupt scheint in den USA der Drang zum Wandel besonders ausgeprägt, selbst bei Unternehmen, die sich gegenüber hybriden Nutzungsmodellen offen zeigen, wie beispielsweise dem Suchmaschinen-Riesen Google.

Auch hierzulande nutzten viele New Work-Befürworter die Gunst der Stunde, um endlich die lange ersehnte Wende in der Arbeitskultur herbeizuführen. Das bestätigt unter anderem auch eine Studie vom Europäischen Management Institut an der Hochschule Hof, in der die Folgen das COVID-19-Virus für die deutsche Arbeitswelt untersucht werden. Über 50 Personalverantwortliche aus mittelständischen Unternehmen kommen darin zu Wort. Das Fazit: Trotz erheblicher organisatorischer Herausforderungen wird der Virus von vielen Entscheidern als „Beschleuniger“ gefeiert, der die digitalisierungsscheue deutsche Wirtschaft endlich gezwungen hat, alte Gewohnheiten in Frage zu stellen.
Tatsächlich lässt sich schwer bestreiten, dass im vergangenen Jahr sämtliche Gewissheiten auf den Kopf gestellt wurden – für Homeoffice-Fans ein ausreichender Grund, wieso es kein Zurück zur „prä-Corona“ Welt geben kann.

Konkrete Argumente für einen permanenten Wechsel hin zur Heimarbeit oder zumindest zu hybriden Nutzungsmodellen seien unter anderem die höhere Motivation der Belegschaft, die sich laut Unternehmen wie Slack durch mehr Flexibilität und Selbstbestimmung zu besseren Leistungen anregen ließe; außerdem Effizienzsteigerungen, die Etablierung ortsunabhängiger Prozesse und ein Zugewinn an Diversität.

Büroraum mit Sofa und Sitzkissen

Schließlich sollte auch die angespannte Lage am Immobilienmarkt nicht unterschätzt werden: Eine Behauptung von Fernarbeit als neuer Standard könnte besonders jüngere Mitarbeiter mehr Flexibilität bei der Bestimmung ihres Wohnorts geben. Der überhitze Wohnungsmarkt in den Innenstädten würde eine solche Entwicklung wohl auch begrüßen, zusätzlich könnten freiwerdende Bürogebäude in Wohnraum umgewandelt werden. Voraussetzung wäre natürlich die Schaffung entsprechender Infrastrukturen in ländlichen Regionen und Kleinstädten, zum Beispiel durch den Aufbau neuartiger Co-Working Spaces und leistungsfähiger Netze.

Letztendlich ist die Zeitersparnis durch das Wegfallen der Pendelzeiten zwischen Wohnort und Arbeit für viele Arbeitnehmer das ausschlaggebende Argument, wenn sie nach den Vorzügen des Home Office befragt werden. Das belegte auch eine 2020 veröffentlichte Umfrage der DAK-Krankenkasse, in der 68% der Mitarbeiter dies als wichtigsten Vorteil der Corona-bedingten Umstellung auf digitale Fernarbeit angaben.

Fazit

Tatsächlich zeichnet sich bereits ab, dass die Tendenz eher zu hybriden Modellen gehen wird: dabei ist zwischen klassischen, aber modernen Bürokonzepten und hochflexiblen und agilen Arbeitswelten eine gewisse Kontinuität zu erwarten, wobei sämtliche Modelle versuchen werden, das Beste aus beiden Welten zu vereinen.
Gleichermaßen lässt sich an der aktuellen Entwicklung der Pandemie auch ablesen, dass sich unsere Gesellschaft wohl noch über längere Zeit auf ein Zusammenleben mit dem Virus einstellen muss, das neue Raumnutzungskonzepte erfordern wird.

Wir bei combine glauben, dass sich das Büro als analoger Arbeitsort, an dem Menschen miteinander in Verbindung treten und gemeinsam kreativ arbeiten können, nicht vollständig durch das Homeoffice ersetzen lassen wird. Im Gegenteil: Erst durch die Umsetzung nachhaltiger und zukunftsfähiger Arbeitskonzepte können Möglichkeiten für eine sinnvolle Ergänzung der beiden (scheinbar) gegensätzlichen Arbeitsorte entstehen.

Bilder: Andreas Lukoschek, Max von Eicken