Ein Gespräch zwischen Dr. Laura Kienbaum und Veit Knickenberg
aufgezeichnet von Markus Albers

Wir wollen heute über Design in der Schnittmenge von Bürokonzeption, Architektur und digitaler Transformation sprechen …

Veit: Vorab – früher haben Auftraggeber Design oft als weiches Thema gesehen, als strategisch nicht so wichtig. Für viele war das eher „Feenstaub“.

Mittlerweile wird Design aber doch immer relevanter. Der Begriff umfasst heute viel mehr als die Gestaltung von Räumen, Grundrissen, Möbeln. Es gibt auch das Design von Employee Experiences, von Unternehmensprozessen, letztlich: von Organisationen.

Veit: Durch New Work hat sich etwas fundamental verändert. Wir müssen mehr über Kultur sprechen, über das Miteinander, über unser Erlebnis des Arbeitsalltags. Diese Experience besteht ja nicht mehr daraus, an einem Schreibtisch zu sitzen und eine Excel-Tabelle zu bearbeiten. In der Kreativökonomie beginnt sie schon außerhalb des Gebäudes – und geht weiter damit, wie wir es betreten, wie wir uns im Gebäude bewegen …

Der Raum ist die Bühne dafür, was an Kultur und Miteinander entstehen kann. Darum sagen wir bei combine immer: Wir entwickeln Gebäude von innen nach außen. Bei der Frage, wie wir arbeiten wollen, geht es zukünftig weniger um den Schreibtisch und zusätzliche Büro Module. Es geht um das Prinzip „grüne Wiese“, welche nicht einschränkt und möglichst vielseitige Lösungen zulässt.

Die Kultur ist das prägende Thema: Wie wollen wir miteinander umgehen, welche Kultur soll das Unternehmen haben? Und davon kann man dann ableiten, wie die Bühne – also der Raum – aussehen soll. Das wirft dann die Frage auf, wer quasi der Cultural Programmer eines Unternehmens wäre – und das ist aus meiner Sicht durchaus auch die Aufgabe von Design.

Laura: Design braucht immer ein Fundament, auf dem es steht. Einen Kontext, mit dem es verwoben ist. Und die beiden müssen sich gegenseitig befruchten.

Tatsächlich haben wir uns auch im Rahmen unserer eigenen Transformation damit beschäftigt, mit welchen Begriffen wir agieren. Wir benutzen den Begriff “Design” heute vor allem im Sinne von „Räume gestalten“. Letztlich heißt Design aber ja „entwerfen“. Und gerade in Change-Kontexten entwirft man ja viel mehr, auch jenseits von klassischen architektonischen, innenarchitektonischen oder künstlerischen Themen.

Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass es letztlich auch einen Begriff braucht, um eben die gestalterische Komponente in Worte zu fassen. Wenn wir das nicht mehr „entwerfen“ und „Design“ nennen wollen, weil wir damit etwas Größeres meinen, dann bräuchte es wieder andere Worte dafür. Weil einem sonst das Vokabular fehlt, um die Relevanz von Gestaltung im engeren Sinn hervorzuheben oder den Prozess zu charakterisieren.

Wenn alles Design wird, verliert der Begriff seine Bedeutung.

Laura: Genau.

Und doch verändert sich der Designbegriff, schon deshalb, weil es eine stärker strategische Komponente bekommt. Es gibt ja sogar die These, dass Designer die besseren Chefs sind, Stichwort Design Leadership …

Laura: Klar sind wir ja auch. (lacht)

Veit: Der Begriff „Design“ sagt ja letzten Endes nichts anderes, als dass man in einem kreativen Denk- und Schaffensprozess etwas entwickelt, das es vorher so noch nicht gab. Oder man kombiniert Komponenten, die es vorher zwar anders gab und schafft daraus wieder etwas Neues – ob man das jetzt auf Produktdesign bezieht, auf Raumdesign, Kommunikationsdesign oder Kulturdesign. Man kann sogar sein Leben designen.

Die interessante Frage ist aber im Arbeitskontext: Welche dieser Wahrnehmungsebenen muss ich ganzheitlich betrachtet und miteinander verbunden designen, damit ich ein in sich stimmiges Bild schaffe, ein plausibles Narrativ?

Und was gehört heute alles dazu? Auch die Benutzeroberfläche auf dem Firmenrechner, auf die ich gerade derzeit vielleicht öfter schaue, als auf das Design in einem Meetingraum meines Unternehmens?

Laura: Es muss ein Zusammenspiel geben zwischen all dem, was visuell, räumlich und körperlich erlebbar ist. Ein Umfeld, mit dem ich mich auseinandersetze, das ich sehen, fühlen, riechen, schmecken, anfassen kann; ein Umfeld in dem etwas stattfinden kann (virtuell oder realräumlich). Da braucht es idealerweise einen roten Faden, zumindest sollten die Dinge aufeinander aufbauen, miteinander abgestimmt sein. Auch die Unternehmenskultur ist ein Teil davon.

Was bedeutet für Euch Unternehmenskultur?

Führung. Strukturen und Prozesse. Strategien. Das zahlt alles auf Kultur ein. Nur: Wenn man für all das den Design-Begriff strapaziert, wird das für mein Empfinden irgendwann ein bisschen künstlich. Ja, ich entwickele im Unternehmen eine HR-Strategie oder denke kreativ über ein Führungsbild nach. Aber warum muss ich da von Design sprechen? Das ist mir zu allgemein.

Dann bleiben wir enger an der Gestaltung von Raum. Manche sagen, dass heute der Digitale Zwilling eines Büros genauso wichtig wird, wie der physische Raum. Arbeit findet in vielen, auch virtuellen Räumen statt, Experten sprechen vom ‚Metaverse‘. Müssten Architekten nicht auch dieses mit designen?

Veit: Ich finde das spannend. Wenn wir alle nur noch in Zoom, Slack und Teams unterwegs sind, können wir die Art, wie wir normalerweise im gebauten Raum Marke übersetzen, gar nicht mehr spürbar machen. Die einzige Marke im digitalen Umfeld ist dann das Firmenlogo in der E-Mail-Signatur.

Vielleicht müssten wir eine Synergie zwischen dem analogen und einem digitalen Raum schaffen, sodass man zum Beispiel erkennen kann, wer heute im virtuellen Büro anwesend ist.

Ich glaube aber, man muss auch ein bisschen differenzieren zwischen einem latenten Aktionismus in den digitalen Raum hinein und dem, was nachhaltig ist im Sinne von Markentransport und Erlebbarkeit. Weniger ist manchmal mehr. Wenn ein Unternehmen überall seine Marke kommunizieren möchte, werden die Menschen schnell übersättigt.

Laura: Die Frage ist ja: Bauen wir mit einem digitalen Zwilling unser Büro nach, wie wir es alle kennen, wie es gebaute Realität ist? Oder schaffen wir eine neue Welt, wie in einem Game-Design – etwas komplett Fiktives? Charmant am Gedanken des digitalen Raums wäre zum Beispiel, dass man sich nicht mehr gegenseitig anrufen müsste, sondern dass man sich auch, während man im Homeoffice ist, in Räumen aufhält und angesprochen werden kann. Ich fände interessant einmal zu erproben und zu erleben, inwiefern das dazu beitragen könnte, mehr in einen informellen Austausch zu kommen.

Die Frage, wie man online die Spontaneität und Serendipity der Kaffeeküche nachbildet, ist ja bislang weitgehend ungelöst.

Laura: Genau. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass wir Räume nur dann in diesem Sinne der Kulturprägung und Identitätsstiftung nutzbar machen können, wenn wir sie schon einmal erlebt haben. Wenn tatsächlich reale Erlebnisse damit verbunden waren, wir den Tisch schon einmal angefasst haben und wissen, wie es in der Kaffeeküche riecht. Wenn ich mich erinnere, wie ich mir in diesem Workshop-Raum mit Veit drei Nächte lang die Finger am Whiteboard wund geschrieben habe, und da sind immer noch die drei Punkte, weil ich den falschen Marker benutzt habe. (lacht)

Solche Erinnerungen bringen aus meiner Sicht erst dieses Konstrukt des Raumes dazu, dass es identitätsstiftend wird. Und dann auch wiederum in einem digitalen Zwilling funktionieren könnte, weil ich es schon einmal erlebt habe. Aber ich glaube nicht, dass das mit neu erdachten fiktiven Welten funktioniert, sondern dass es damit verbunden sein muss, wie man das auch in der realen Welt erlebt hat. Oder zumindest mag ich mich persönlich nicht auf den Pfad begeben zu sagen: Alles wird virtuell, wir werden nie wieder so arbeiten können, wie wir es gekannt haben.

Veit: Eine Art digitales Fenster in die tatsächliche Bürowelt finde ich prinzipiell gut. Darin steckt aber zugleich die gigantische Gefahr eine Parallelgesellschaft aufzumachen. Manche Menschen könnten sich in dieses digitale Umfeld flüchten, andere nie reingehen. Dann hätten wir zwei parallele Kommunikationswelten aufgemacht und damit genau das Gegenteil dessen erreicht, was wir eigentlich wollten. Dann vernetzen wir nicht, sondern spalten.

Laura: Außerdem: Als Architekten und Designer würden wir uns dann weit davon entfernen, inspirierende Umfelder zu schaffen.